Von Patchworktätigkeiten und Schwebezuständen

Rückblick auf die PoliTour-Veranstaltung am 5.12.2006

Rückblick auf die PoliTour-Veranstaltung am 5.12.2006

Von Patchworktätigkeiten und Schwebezuständen

„Momentan arbeite ich auf eigene Rechnung für eine Agentur, nebenbei habe ich meinen alten Studentenjob als Reiseführerin reaktiviert und unterrichte auch noch in der Politischen Bildung“ erläutert Sandra Budy beispielhaft die immer typischere Berufssituation junger Menschen und ergänzt „Immerhin arbeite ich ab Januar für zwei bis drei Jahre festangestellt in einem Forschungsprojekt.“

„Eins ist sicher: Dein Job ist unsicher. Leben zwischen Ausbildung, Praktikum, Studium und Zeitarbeit“ war das Thema des ersten „PoliTour“-Abends – eine neue Reihe für junge Menschen im HAUS RISSEN HAMBURG. Die lebenslange Vollbeschäftigung bei einem Betrieb mit regulärer Arbeitszeit wird immer seltener, immer mehr jüngere, aber auch ältere Menschen haben Berufsbiographien, in denen Phasen der Festanstellung sich mit freiberuflicher Tätigkeit, Arbeitslosigkeit, Fortbildung oder Familienurlaub abwechseln.

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Der SPIEGEL hatte dieses Jahr mit seiner Titelgeschichte über die „Generation Praktikum“ das Thema in das Zentrum medialer Aufmerksamkeit gerückt. In der öffentlichen Diskussion wird diese unsichere berufliche Situation als Abweichung von der gewünschten Norm der lebenslangen Festanstellung wahrgenommen. Doch auf dem Podium herrschte Einigkeit, dass die gewünschte Norm nur noch selten zu finden ist: „Nicht einmal mehr die Hälfte aller Arbeitnehmer haben eine Vollbeschäftigung, und die meisten mit äußerst flexiblen Arbeitszeiten. Nur noch 17% der Berufstätigen hatten Ende der 1990er Jahre einen Job mit geregelten Acht-Stunden-Tagen“.

So wird die freiberufliche oder selbständige Tätigkeit zu einer inzwischen gleichberechtigten Alternative im Karriereweg, erläutert Bettina Klassen, die bei der Lawaetz-Stiftung Existenzgründer berät: „Viele Menschen, gerade im Dienstleistungsbereich, rutschen über vorübergehend gedachte Honorartätigkeiten ohnehin in die Freiberuflichkeit, ohne das zunächst so wahrzunehmen.“ Der Schritt in die richtige Selbständigkeit ist dann ein logischer, allerdings gilt es in der Beratung auch Menschen ohne passendes Profil vor dem Schritt zu bewahren: „Bestimmte kommunikative Fähigkeiten sind schon erforderlich.“, so Bettina Klassen. Hier lautet die Alternative eindeutig Zeitarbeit, wie Grit Behrens, Bereichsleiterin der Berufsberatung bei der Agentur für Arbeit, betont. Diese Beschäftigungsvariante wird auch für hoch qualifizierte Menschen immer attraktiver.

Denn die Zukunft der Arbeit liegt im flexiblen Zusammenstellen von Projektteams innerhalb von Unternehmen. Je nach Auftrag oder geplanter Neuentwicklung werden passende Mitarbeiter bei Zeitarbeitsfirmen angefordert oder als Freiberufler hinzugezogen. Nach erfolgreichem Projektende kann das Team ohne Probleme aufgelöst werden, für das nächste Projekt sind dann wieder ganz andere Fähigkeiten gefragt. Doch in diesem „ergebnisorientierten Arbeiten“ sehen immer mehr Menschen auch große Chancen.

Und die Generation Praktikum? Natürlich gibt es eine Reihe von Praktikastellen, die eindeutig kein Praktikum sind, sondern die Suche nach billiger oder gar kostenloser Arbeitskraft. Doch Frank Schneider, der mit dem Verein fairwork für gute Praktikabedingungen kämpft, betont: „Es gibt auch gute Praktika.“ Ein Praktikum bleibt die beste Chance, sich während der Schul- oder Studienzeit Einblicke in verschiedene Berufe zu verschaffen. Neben fairen Bedingungen von Seiten der Praktikageber ist für ein gutes Praktikum aber auch eines wichtig: „Praktikanten müssen selbstverantwortlich mitarbeiten“ betont Grit Behrens.

Kurzfristige Beschäftigungsverhältnisse, Zeitarbeit, freiberufliche und selbständige Tätigkeit sind inzwischen Normalität, aber auch eine große Chance, ist sich das Podium einig. Wichtig ist es, auch die künftigen Patchworkbiographien wie einst die klassische Karriere gezielt zu verfolgen: „Nicht jedes Praktikum machen, beim Bewerbungsgespräch gezielt nach den Einsatzmöglichkeiten fragen“ fasst Moderator Jan Malte Andresen zusammen. Dann können die prekären Schwebezustände in unsicheren Zeiten eher vermieden werden und es lässt sich trotz aller Unsicherheit ein erfolgreiches Arbeiten verwirklichen.

         
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