Aktuelle Analyse Nr. 144 vom 12.12.2005
Bevor die neue Bundesregierung in ihr Amt eingeführt wurde, sickerte aus der Konzernzentrale der Deutschen Bahn und der Hamburger Senatskanzlei der Coup durch: Für die Beteiligung der Deutschen Bahn am Hamburger Hafen und dem Hamburger öffentlichen Nahverkehr ist die Deutsche Bahn zu einer Verlagerung der Konzernzentrale nach Hamburg und millionenschweren Investitionen in die Hansestadt bereit. Auch wenn die Bundesregierung und die Stadt Berlin sofort intervenierten: Hamburgs Chancen im Poker um das Headquarter der Deutschen Bahn sehen sehr gut aus.
PLUSPUNKT BÖRSENGANG 2006
Für Hamburg spricht, dass die Bahn im kommenden Jahr an die Börse gebracht werden soll. Ein solcher Börsengang kann jedoch nur dann Erfolg haben, wenn die Bahn für Anleger zu einer lohnenden Anlage wird. Schon heute erwirtschaftet die bescheiden ausgestattete Logistikbranche die Hälfte des Umsatzes. Sie wird die wirtschaftliche Zukunft der Deutschen Bahn prägen, während der Personennahverkehr ein Milliardengrab bleibt - zumal der Bund die Finanzierung des ÖPNV jährlich von bislang 7 auf 4 Milliarden kürzen will, um die Maastricht-Vorgaben im Jahre 2007 endlich wieder einmal einhalten zu können.
Eine privatisierte Bahn, welche solche Nackenschläge wegstecken soll, braucht unternehmerische Handlungsspielräume - auch wenn das der Politik nicht passt. Sie muss auch bei internationalen Geldanlegern die Gewissheit vermitteln, dass sie handlungsfähig ist, die Entscheidungskompetenz innehat und nicht von der Politik blockiert wird.
PLUSPUNKT HAFEN UND FLUGHAFEN
Die künftigen Anleger wollen schwarze Zahlen und wirtschaftliche Perspektiven: Diese kann Hamburg der Bahn in der Logistik bieten. Sein Hafen ist die Nr. 1 von Deutschland, die Nr. 2 in Europa (hinter Rotterdam) und die Nummer 7 der Welt. Das Containergeschäft boomt, die Gewinne florieren und der Logistikbranche werden Wachstumschancen vorhergesagt, von denen andere Branchen nur träumen können. Die Bahn sieht hier zurecht die einzige Chance für das eigenständige wirtschaftliche Überleben.
Nicht nur der Hafen ist für die Deutsche Bahn von größtem Interesse – der Hamburger Flughafen wird in der öffentlichen Diskussion übersehen. Durch den Erwerb des US-Logistiker Bax Global hat sich die Deutsche Bahn aus dem Stand zur weltweiten Nummer 2 im internationalen Luftfrachtverkehr entwickelt. Für eine solche Expansion bietet sich der führende Standort in Sachen Flugzeugbau (Airbus) und Reparatur (Lufthansa) geradezu an.
MITTELFRISTIG: VORTEIL HAMBURG
Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust hat daher im Umzugspoker mittelfristig die besseren Karten – und weiß dies auch. Er kann der Bahn zwei notwendige Expansionsfelder für deren wirtschaftliche Unabhängigkeit eröffnen und dafür den erwünschten Preis fordern. Hamburg hat zwar keinen glänzenden Haushalt, müsste jedoch noch nicht seine Beteiligung an der HHLA verkaufen. Es kann daher länger als die Bahn warten. Mag auch die Regierung dies derzeit aus strukturpolitischen Gründen verhindern – aber sie braucht einen erfolgreichen Börsengang, was die Bereitwilligkeit zeigt, die (scheinbar unwichtige) Logistikabteilung nach Hamburg ziehen zu lassen.
Aber auch der Hamburger Senat würde von der Ansiedlung der Deutschen Bahn enorm profitieren: Zum einen wäre der Imagegewinn für Hamburg immens, da es dann neben Beiersdorf das zweite börsennotierte Unternehmen im Dax präsentieren könnte. Zudem wäre ein solcher Coup das wirtschaftspolitische Gesellenstück des Bürgermeisters, das ihn neben der Realisierung der Elbphilharmonie und der HafenCity die Wiederwahl im Jahre 2008 ohne Koalitionspartner garantieren könnte.
Auch der Hamburger Hafen würde von dem Engagement der Deutschen Bahn profitieren: Wenn schon die HHLA verkauft wird – was schon in den vergangenen Jahren als Option erwogen wurde –, wäre ein internationaler Konzern mit Sitz im Ausland für die wirtschaftliche Zukunft bedeutend gefährlicher, da dieser ggf. den Hamburger Standort gegenüber Rotterdam bewusst gegen die Wand fahren lassen könnte. Hamburg hätte zudem die Chance, mit dem Erlös des Verkaufes seiner Anteile an der HHLA weitere Investitionen in den Logistikstandort Hamburg zu tätigen, um seine Zukunftsfähigkeit auf lange Sicht schon heute zu sichern. Wenn nun Kritiker dem Ersten Bürgermeister vorwerfen, er würde die Eigenständigkeit des Hamburger Hafenstandortes opfern, denken sie nicht weit genug, sondern leider (noch) provinziell.
HAMBURG MECKERT NICHT WIE BERLIN
Dass das strukturschwache Berlin sich öffentlich darüber echauffierte, dass die Deutsche Bahn sich gen Hamburg orientiert, ist für gestandene Hanseaten nur mit Mühe zu ertragen. Hamburg hätte mehr Grund zum Meckern. In diesem Jahr zahlt die Freie und Hansestadt Hamburg ohne Murren über 650 Millionen Euro in den Länderfinanzausgleich ein. Berlin bekommt über 2 Milliarden heraus und prüft weitere Klageschritte vor dem Bundesverfassungsgericht. Hamburg wird durch die EU die Ausschüttung von europäischen Fördergeldern verwehrt. Berlin lockte mit europäischen Fördermillionen mehrere Unternehmen von der Elbe an die Spree: Den Musikkonzern Universal, die TV-Produktionsfirma MME, die Werbeagentur Scholz & Friends, die Phonoakademie und die Echo-Verleihung stehen für Nackenschläge, die Hamburg ohne beleidigten Protest im Bundeskanzleramt bewältigt hat.
Nun geht ein Unternehmen den umgekehrten Weg, um sich dem Einfluß der Politik zu entziehen - und schon kann Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) bei seiner ehemals politischen Gegnerin Angela Merkel (CDU), dem SPD-Parteivorsitzenden aus Brandenburg Matthias Platzeck und dem neuen SPD-Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee aus Sachsen erfolgreich intervenieren. BILD hatte recht, als sie titelte: "Nun regiert uns der Osten". Hamburg bekommt es zu spüren; dennoch wird auch dieser Sturm politisch an der Hansestadt vorbeiziehen. Und die Bahn wird kommen – mit mehr als nur der Logistiksparte.
(fl)