Aktuelle Analyse Nr. 150 vom 09.02.2006
Die Flamme der kommunistischen Weltrevolution wurde 1989 in Europa endgültig ausgetreten. Nur langsam scheint es westlichen Gesellschaften zu dämmern, daß mit der Machtergreifung Ayatollah Khomeinis im Jahre 1979 sich eine neue Epoche der globalen Umwälzung ankündigte: Der politische Islam als Verkünder einer neuen Weltrevolution. Der revolutionäre Funke eines politisierten Islam soll auf jedes muslimische Land überspringen. Die Aufgabe des Revolutionärs im Namen Allahs ist dabei die Instabilitäten in jedem muslimischen Land zu verschärfen, um den Boden für eine Machtübernahme vorzubereiten. Da alle muslimische Staaten sich in einer Phase des Übergangs zwischen Moderne und Tradition befinden, trifft die revolutionäre Flamme auf genügend sozialen Zündstoff. Die islamistischen Extremisten in aller Welt sind die treuesten Schüler Lenins und Trotzkis. Sie gerieren sich als bewaffnete Propheten, die mittels Ideologie und Waffengewalt nur eines im Sinn haben, die Ergreifung der Macht. Dies ist der Zusammenhang in den der sogenannte Karikaturenstreit gestellt werden muß.
Das Problem dieses Streits ist deshalb keinesfalls der Kampf zwischen Kulturen oder das Aufeinanderprallen von religiösem Traditionalismus und säkularer Moderne. Ebensowenig handelt es sich um den Konflikt zwischen Pressefreiheit und Respekt gegenüber religiösen Empfindsamkeiten einer Glaubensgemeinschaft. Der Streit um die Veröffentlichung und die Wirkung der Karikaturen ist ein durch und durch politischer Streit und folgt einem rein politischen Kalkül. Der Streit wurde von Islamisten vom Zaun gebrochen, um sich als die Verteidiger der Ehre ihres Glaubens zu positionieren. Er dient dazu, die eigene politische Identität zu stärken, indem der Westen als Feindbild aufgebaut wird. Die bewußt herbeigeführte Empörung und Verletzung des religiösen Gefühls der Massen, der Volkszorn, soll helfen eine revolutionäre Situation im eigenen Land zu schaffen, so daß eine Machtübernahme durch die Extremisten in greifbare Nähe rückt. Alle islamistischen Extremisten hoffen, daß eine Welle politisch aufgepeitschter religiöser Gefühle sie an die Macht spülen wird. Den aus ihren alten Traditionen und Institutionen herausgeschüttelten Unterschichten wird ein Islam als Heilslehre angeboten, der mehr mit einer politischen Ideologie als mit der Überlieferung des Islam zu tun hat. Die zur Schau getragenen religiösen Überzeugungen sind nur ein Vorwand für den Griff nach der Macht. In diesem Machtspiel kommt der Religion zum einen die Rolle als Mobilisierungsideologie der verarmten Bevölkerung und der wurzellosen Intellektuellen zu und zum anderen dient sie als Waffe, mit der man meint den Westen herausfordern zu können. Der politisierte Islam findet überall da seine Unterstützer, die sich der Chance eines sozialen Aufstiegs beraubt fühlen. Dies kann den städtischen Mob ebenso betreffen wie den muslimischen Akademiker.
Diejenigen Imame in Dänemark, die erst die Karikaturen, die abgedruckten wie auch die gefälschten, in der islamischen Welt verbreitet haben, verfolgen ebenso ein klares politisches Kalkül. Sie zählen darauf, daß die Empörung auf die muslimischen Jugendlichen im Westen überspringt, die sich hier aller Aufstiegschancen beraubt sehen. Der politische Islam soll Sinn für die Menschen ohne Perspektiven bieten und sie gleichzeitig radikalisieren. Sie wollen neue Anhänger rekrutieren und den Alleinvertretungsanspruch gegenüber anderen, moderateren oder 'verwestlichten' Muslimen erkämpfen. Dem politisierten Islam in westlichen Gesellschaften geht es nicht um Religion, sondern um die Erringung der Macht innerhalb des westlichen Muslimgemeinden und um die Destabilisierung ihres Gastlandes. Das politische Ziel ist der Export der islamistischen Weltrevolution.
In diesen Tagen wird viel von der Notwendigkeit des interkulturellen und interreligiösen Dialogs gesprochen. So sinnvoll dieser sein mag; er zielt aber am Kern des Problems vorbei. Der politische Islam ist kein Problem der Philosophie oder der Religion, sondern der inneren Sicherheit und der Sicherheitspolitik.
(eb)