Big Brother zum Dritten - Zwischen Mythos und Realität

Aktuelle Analyse Nr. 6 vom 05.02.2001

Big Brother präsentiert sich zu einem Zeitpunkt, an dem sich im Fernsehen die Themen Sex und Gewalt zunehmend abgenutzt haben. Die privaten Sender begegnen diesem Trend zum einen insoweit, als daß sie die Gewaltanteile in den Krimmiserien mit eingebauten Stunts und effektvollen Explosionen steigern. Da jedoch sowohl die Reizspirale der Informationssendungen wie auch die Effekte innerhalb des Unterhaltungsprogramms an die Grenzen der Rezeptionsfähigkeit der Rezipienten stoßen, sind neue und andere Stilformen sind gefragt – und Big Brother war und ist zweifellos eine solche. Und es liegt im Trend: Seit Anfang der Neunziger Jahre werden immer mehr Programmformen im Fernsehen plaziert, bei denen „echte“ Menschen in verschiedenen Lebenslagen zu sehen sind – die Reality-Shows sind zweifellos im Vormarsch.

  Das Produktionsteam von Big Brother bewirbt sein neues Fernsehformat damit, daß hier keine professionellen Schauspieler agieren, sondern sich scheinbar ganz normale Menschen in ihrer angeblich normalen Umgebung zeigen. Dies ist jedoch aus zwei Gründen falsch: Zum einen befinden sich die meisten Menschen – soweit sie sich nicht im Gefängnis befinden – stets in einer lebendigen Interaktion mit der Umwelt und lassen sich über die Medien informieren, unterhalten wie auch inspirieren. Zum anderen wurden und werden vom Sender für die allabendliche Ausstrahlung keine „normalen“ Menschen gewünscht: Das Publikum honoriert es nicht, wenn es die scheinbar gewöhnlichen Menschen, die man täglich im Beruf, beim Einkaufen, in der eigenen Familie und im Freundes- und Bekanntenkreis sieht, auch noch im Fernsehen zur besten Sendezeit präsentiert bekommt – zu einer Zeit, wo man sich gerade von dieser Alltagswelt befreien möchte. Im Gegenteil: Es sehnt sich nach Menschen mit (medial verstärkten) Ecken und Macken, an denen man sich reiben kann und über die im Wohnzimmer und am Arbeitsplatz diskutiert wie auch gewitzelt werden kann.

  RTL 2 hat – ökonomisch natürlich und aus Gesichtspunkten der Sendeplanung legitim – diesen Gesichtspunkt bei der Auswahl der Kandidaten berücksichtigt: Die Bewerber sollen teilweise „normal“ sein, denn Menschen mit zu großen exzentrischen Eigenarten können in dem propagierten Kontext von „ganz normalen Menschen im Big-Brother-Haus“ für das Publikum keine Identifikation bieten; sie sollten allerdings auch ein gewisses Maß an Exotik mitbringen, die für jene scheinbare Differenz garantiert, die ein quasi koloniales Gefälle zwischen dem Publikum und seinen Beobachtungsobjekten begründet. Man braucht also Menschen, die etwas erzählen können, die aufgrund ihrer Biographie und ihren Erfahrungen im Casting auffallen, ja aus der Masse der „normalen“ Menschen“ herausstechen.

  Aber unabhängig von allen manipulativen Eingriffe und Eingriffsmöglichkeiten hinter den Kulissen (Das Produktionsteam scheidet aus den Übertragungsmaterial von 24 Stunden für die allabendliche Ausstrahlung Material für ca. 45 Minuten zusammen, kreiert für die Kandidaten virtuelle Fanclubs, definiert medial Favoriten und Außenseiter, um so ein gewünschtes Abstimmungsergebnis vom Publikum zu erhalten) bleibt die Frage interessant, was Big Brother uns über den Zustand unserer Gesellschaft verrät? Einige Stichworte zur Diskussion:

 

     *

       Big Brother macht den Voyerismus gesellschaftsfähig. Es ist für die Zuschauer schlichtweg gemütlicher, im warmen Wohnzimmer vom Sofa aus in das Wohn- und Schlafzimmer anderer Leute zu schauen, als dafür jede Nacht auf dem Balkon das Fernrohr aufzubauen zu müssen, mit der Gefahr von seinen Nachbarn entdeckt zu werden. Dabei appelliert Big Brother nicht nur an die Neugierde, Sensationslust und Schadenfreude des Publikums – sondern es gibt dem einzelnen das Gefühl der macht hinter die Kulissen des Alltags schauen zu können.
     *

       RTL2 kultiviert durch die Anonymität des Mediums die bewußte Grenzverletzung der gesellschaftlich anerkannten menschlichen Intimsphäre. Allerdings ist Big Brother nicht das erste Fernsehprodukt, daß an einer Veröffentlichung privater Intimsphäre interessiert ist. Man denke diesbezüglich hierbei an all die Menschen in den mittäglichen Talkshows des Privatfernsehens, wo bereits vor dem Sendebeginn von Big Brother das Persönliche öffentlich gemacht wurde. Die Würde des Menschen ist im Gegensatz zum Artikel 1 des Grundgesetzes antastbar geworden, weil viele Menschen dies erlauben, sobald eine Kamera auf sie gerichtet ist oder sie eine sehen. So gesehen bestünde der Kulturschock dieser angeblichen „Reality-Show“ nicht darin, daß dort Menschen für 100 Tage freiwillig auf ihre Intimsphäre verzichten, sondern daß es schlichtweg keine allgemein akzeptierte Intimsphäre mehr gibt. Was bei Politikern und Prominenten begann, erreichte bei Big Brother auch den normalen Menschen: So erfuhr das Publikum während der ersten Staffel in epischer Breite von den finanziellen Schulden einer Kandidatin und dem Insolvenzverfahren ihrer Firma sowie daß sie zu diesbezüglichen Gerichtsterminen nicht erschienen war und polizeilich gesucht wurde.
     *

       Big Brother kultiviert das Phänomen der „Verfeldbuschung“ und kreierte mit dem Kandidaten „Zladtko“ einen Medienstar, der mit seiner Aussprache und fehlerhaften Grammatik im Umfeld eines zumeist jugendlichen Publikum die Abkehr von traditioneller geistiger Hochkultur und legitimiert für einen Teil des Publikums die sprachliche Trivialisierung.
     *

       Big Brother unterstützt in seinem Sendekonzept den Trend zur Entpolitisierung. Politik wird bei den von den Sendern thematisch vorgegebenen Themen rigoros ausgeblendet – schließlich soll die Soap aus Sicht der Produzenten nicht durch polemisierende Inhalte gefährdet werden.
     *

       Big Brother präsentiert ein Verhalten, das in unserer Gesellschaft geächtet ist, da eines der praktizierten Spielprinzipien das Mobbing ist. Das Spiel verlangt von den Bewohnern, daß sie sich für oder gegen Menschen entscheiden und ihre Sympathien und Antipathien bei den alle zwei Wochen stattfindenden Nominierungen öffentlich kundtun. Auch wenn Mobbing zum Alltag einer Konkurrenzgesellschaft gehört, ist medienethisch kritisch zu hinterfragen, ob ein solches Prinzip als konstituierendes Element einer Unterhaltungsshow eingesetzt werden darf.

Die Originalversion dieser Aktuellen Analyse finden Sie im Archiv der alten HAUS RISSEN HAMBURG Seite.

         
Style:  Standard   Variante   Mobil
Übernachten – Tagen – Feiern
Informationen zur HAUS RISSEN Services GmbH. [Mehr]
National Model United Nations 2009
Du bist Diplomat! Bewerbung für das weltweit größte UN-Planspiel in New York im April 2009
[Mehr]
Jahresthema 2008
Die Vereinten Nationen: Sind sie die Weltregierung oder nur ein Spielball der Mächtigen? [Mehr]


 
Zum Anfang der Seite