Die Irak-Frage und antiamerikanische Klischees

Aktuelle Analyse Nr. 43 vom 20.01.2003

Die Welt hält den Atem an: Kommt die Irak-Invasion oder nicht? George W. Bush muss sich entscheiden. Seine Worte sind scharf, die Argumente bekannt. Amerika kämpft einen "Krieg" gegen den Terrorismus: Saddam Hussein würde die USA bedrohen, ein "Regimewechsel" sei schmerzhaft aber nötig. Außerhalb der USA sieht man es anders. Die Araber denken zunehmend anti-amerikanisch. Etwa 80 Prozent der Ägypter, Jordanier, Libanesen und Pakistanis glauben, die Verbreitung amerikanischer Ideen und Sitten sei nicht in ihrem Interesse. "The Economist" zitiert das "Pew Research Center": 78 Prozent der Türken seien gegen die USA; in Deutschland lehnen 67 Prozent die US-Außenpolitik ab, in Frankreich 71 und in Italien 58. Nur die Briten liegen mit 50 in der Mitte. Anti-Amerikanismus? Der Begriff ist ein Reizwort. Wer die US-Außenpolitik kritisiert, dürfe nicht mit der "Keule des Anti-Amerikanismus" geschlagen werden. Es gäbe einen Unterschied zwischen hilfsbereiten und liebenswürdigen Amerikanern und der imperialen und ruppigen US-Regierung. Amerikanische Diplomaten kennen das Problem: Die hochgerüstete Supermacht hat ein schlechtes Image. Freiheit, Demokratie und Menschenrechte werden von Negativbildern verdrängt - von amerikanischem Schwarz-Weiß-Denken, von politischer Intoleranz, kontinentalem Provinzialismus, religiösem Fanatismus, Hochrüstungspolitik, sozialer Kälte oder der Todesstrafe. Seit dem 11. September hat der Kongress 220 Millionen Dollar bewilligt, um ein positives US-Bild besonders im Orient zu fördern. Die PR-Beamten der Weltmacht haben alle Hände voll zu tun. Die deutsche Presse geht mit den USA hart um. Je nach politischer Position wird Amerika Kulturlosigkeit, Materialismus oder zynischer Imperialismus vorgeworfen. Das deutsche Amerikabild war schon 1989-91 negativ: Das Klischee der materialistischen, imperialistischen und heuchlerischen Weltmacht dominierte die Presse. Die meisten Journalisten sahen die USA im wirtschaftlichen Niedergang; Saddam Hussein sei in Washington als neues Feindbild willkommen, da er Abrüstung überflüssig mache; der Krieg sei von der US-Regierung herbeigesehnt, um billiges Öl kaufen und teure Rüstungsgüter exportieren zu können; am Golf wären die Amerikaner machtbesessene Imperialisten. Ziel der Amerikaner sei es, schrieb "Die Zeit" 1991, "aller Welt zu zeigen, dass sie die einzige noch übrig gebliebene Supermacht sind." Rudolf Augstein meinte im "Spiegel": "Nun aber wissen wir, was wir im Ernstfall von einem Land zu erwarten haben, das sich die Uniform des Weltpolizisten nur zu bereitwillig überstreifen lässt." Die "Frankfurter Rundschau" unterstellte den USA das Streben nach Weltherrschaft: Am Golfkrieg sei erkennbar, dass "die USA zu einer ehrgeizigen Vorherrschaft in der Welt aufbrechen." Eine Neuordnung der Welt werde es nicht geben: Die Neue Weltordnung sei keine glaubhafte Vision der USA, sondern nur Rhetorik des amerikanischen Präsidenten, mit der er eine weltweite "Pax Americana" rechtfertigen wolle. Deutsche Leitartikler warfen den USA scheinheilige Heuchlerei vor. "Die Tageszeitung" meinte, es ginge Amerika nicht um die Zurechtweisung eines menschenverachtenden Tyrannen, sondern um Stabilität der Gesamtregion - einer Stabilität im US-Sinne. "Der "Spiegel" beklagte das "moralisch doppelgesichtige Engagement Amerikas". Die F.A.Z. plädierte zwar für die "Neugestaltung der Staatenwelt durch das internationale Recht", doch die meisten Medien malten ein skrupelloses Amerikabild: Die USA sei stets zu brutalen Reaktionen fähig und deshalb ein Unsicherheitsfaktor für den Frieden. "Der Spiegel" sprach vom rüpelhaften Amerikaner, von George Herbert Walker Bush als raubeinigem Macho, und für die "Tageszeitung" war Bush ein "amerikanischer Flegel". Die anti-amerikanischen Argumente der Golfkriegszeit tauchen heute wieder auf. Nach dem US-kritischen Wahlkampf der Schröder-Fischer-Regierung ist das deutsche Amerikabild diffus und meist negativ. Während der US-Präsident am 21. November in Prag noch einmal von gemeinsamen Werten sprach, von Menschenrechten und Demokratie, halten viele Europäer dagegen: Die amerikanischen Vorstellungen von internationaler Sicherheit, Umweltschutz, Menschenrechten oder nationaler Souveränität würden sich nicht mit europäischen Ansichten decken. Eine Schere der Asymmetrie würde sich zwischen Amerika und der übrigen Welt öffnen. Der Streit um den Internationalen Strafgerichtshof sei ein typisches Beispiel für den transatlantischen Konflikt. So wird der "Krieg gegen den Terrorismus" von Europäern als zivile Herausforderung und nicht als militärische Kriegserklärung gesehen. Die Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen bedroht nicht nur die Amerikaner. Terrorismus, internationale Kriminalität, Treibhauseffekt, ethnische Kriege und Aids plagen Amerikaner und Europäer. Lösungen finden sich durch Kooperation, Kommunikation und gemeinsame Zielsetzung. Doch transatlantische Kälte und anti-amerikanische Klischees erschweren einen US-europäischen Konsens. Wer gern Leitartikel und Kommentare liest oder hört, wird in den kommenden Wochen vieles wieder erkennen: Die Irak-Frage wiederholt die anti-amerikanischen Argumente der Golfkriegszeit. Nuancen und Differenzierungen werden nicht geboten. Ein tieferes Verständnis der Amerikaner oder gemeinsame transatlantische Lösungen entstehen bislang nicht.

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