Trotz des Gerangels um die Waffeninspektionen - der dritte Golfkrieg hat bereits begonnen

Aktuelle Analyse Nr. 50 vom 06.02.2003

Während alle Welt noch auf das Gerangel um Inspektionen und Resolutionen starrt und Collin Powell im UNO-Sicherheitsrat angebliche Beweise für den Verstoß des Iraks gegen UN-Resolutionen präsentiert, ist der dritte Golfkrieg längst im Gange, durch Infiltration am Boden, die Ausweitung der Luftschläge und die Forcierung des Propagandakrieges. Bislang ist es kein Krieg der Schlachten, sondern der Scharmützel, der Spionage und Sabotage. Nicht Divisionen fechten diesen Kleinkrieg von steigender Intensität bislang aus, sondern einheimische Trupps sowie kleine Teams fremder Experten, ausgestattet mit Hochtechnologie, Geld und Überredungskunst. Unter dem Schutzschirm der Flugzeuge bereiten sie der Invasion den Boden. Dies geht diskret: Im Spätsommer 2002 übten amerikanische Spezialeinheiten mit ihren jordanischen Waffengefährten den Angriff auf Depots und Transportwege. An der irakischen Grenze bauten sie ein Netzwerk vorgeschobener Stützpunkte auf, die seitdem als Basis der Infiltration dienen. Seit September sind rund 150 Angehörige der CIA und der Special Forces auf dem Gebiet des Irak unterwegs. Sie überwachen Ölfelder und Befestigungen, markieren Minenfelder und Flugabwehrstellungen für den Luftangriff. Im Westen suchen sie, unterstützt von britischen SAS und dem israelischen MOSSAD, nach mobilen Abschussrampen und Bunkerdepots, um frühzeitig einen Raketenangriff auf Israel oder Jordanien auszuschließen. Gleichzeitig werden die Routen für die Invasion der Luftlandetruppen aus dem Westen gesichert. Im Süden Iraks, zwischen Basra und der kuwaitischen Grenze, wo die schiitische Bevölkerung die Mehrheit stellt, soll es bereits zu Scharmützeln mit Einheiten von Saddams Republikanischen Garden gekommen sein. Hier bereiten die Kommandos den Vormarsch auf der Hauptlinie aus Kuwait vor, bilden Sabotagetrupps aus und dirigieren in der Flugverbotszone die Jagdbomber per Laser und Laptop. Aus Bagdad, wo stets eine Vielzahl von Computerhändlern unterwegs ist, gelangen Nachrichten über die neu errichteten Verteidigungsanlagen an die Stäbe. Im Norden ähnelt die Lage der Situation in Afghanistan. Der irakische Zentralstaat hat in Kurdistan nicht nur die Hoheit in der Luft, sondern auch am Boden längst eingebüßt. An der Grenze zu Iran sind die Kurden in einen Zweifrontenkrieg verstrickt, gegen die dürftig ausgestatteten Wehrpflichtigen Saddams und gegen die freiwilligen Glaubenskrieger der Ansar al-Islam. Diese etwa 600 Mann starke, islamistische Truppe unterhält Verbindungen zu Al Qaeda und hat auf ihrem Terrain ein Regime errichtet wie seinerzeit die Taliban in Afghanistan. In der Bergregion Kurdistans können sich die alliierten Agenten und Elitesoldaten nahezu frei bewegen. Seit Anfang 2002 sind sie mit der Befestigung von Stützpunkten, der Erkundung möglicher Angriffsziele und der taktischen Ausbildung kurdischer Hilfstruppen beschäftigt. Jene sollen lernen, wie man am Boden das Chaos ausnutzt, das durch Luftangriffe ausgelöst wird. Um verlässliche Anführer für eine Revolte gegen das Regime zu gewinnen, werden lokale Warlords mit Zehntausenden von Dollars bestochen. Der Luftkrieg hat ebenfalls schon begonnen. Die regelmäßigen Patrouillenflüge in den beiden Verbotszonen führten über die Jahre immer wieder zu Scharmützeln mit irakischen Batterien. Im September 2002, bevor an der jordanischen Grenze die Infiltration begann, gingen die Alliierten jedoch dazu über, gezielt die Führungs- und Nachrichtenzentren der irakischen Luftabwehr zu bombardieren. Während der letzten Wochen nahmen die Attacken dramatisch zu. Nahezu täglich werden Radarstationen, Artilleriestellungen und Kabelleitungen - nahezu unbemerkt von der Weltöffentlichkeit - im Süden und Norden unter Beschuss genommen. Die Patrouillenflüge dienen nicht mehr dazu, das Gebiet ausschließlich zu überwachen, sondern die Verbindungslinien im gesamten Land zu kappen, die Kommandozentralen zu zerstören und die Flugabwehr systematisch auszuschalten. Dies entspricht der Vorphase des strategischen Angriffsplans. Der Süden ist auch das Schlachtfeld eines Nervenkriegs um die Loyalität der Zivilbevölkerung. Eine halbe Million Flugblätter wurde Anfang Dezember abgeworfen. Es war bereits die siebte Propagandakampagne dieser Art. Die Blätter warnten die Iraker davor, die zerstörten Nachrichtenleitungen zu reparieren und gaben die Frequenzen für den Empfang alliierter Funksendungen bekannt. Während die Bestechung des höheren Offizierskorps über alte Kontakte des russischen Militärs versucht wird, nutzt man für die Zivilisten die Kanäle der Massenkommunikation. Seit Anfang Januar füllten die USA die elektronischen Briefkästen mit Aufrufen zum Verrat von Rüstungsinformationen. Irak ging daraufhin offline und schnitt die einheimischen Surfer vom Web ab. Die politische und militärische Präparierung des Schlachtfeldes lässt die diplomatische Rhetorik von Drohkulissen, Abrüstungskontrolle oder Kriegsentscheidung als Makulatur erscheinen. Der Krieg im Geheimen soll nicht abschrecken, sondern den Siegeszug vorbereiten. Er soll Irak nicht zur Entwaffnung seiner selbst anhalten, sondern ihn so rasch wie möglich handlungsunfähig machen. Die "Strafaktion" des Krieges wird schon vollstreckt, bevor der Anlass für den Vollzug der Drohung nachgewiesen ist. Die Tatsachen sind schon geschaffen, bevor die letzte Dezision getroffen wird. Sie wird diese Fakten nur mehr ratifizieren. Nicht der Krieg steht noch zur Entscheidung, sondern der Befehl zur Invasion. Auch in Angelegenheiten des Krieges gilt der Erfahrungssatz: Entscheidungen suchen sich nicht nur ihre Gelegenheiten; Gelegenheiten suchen sich vielmehr ihre Entscheidungen. Der Krieg findet statt, mit oder ohne guten Grund. Der Protest kommt spät. Der moralische Diskurs hat große Mühe, auf der Höhe der Zeit zu sein. Die Wirklichkeit der Macht eilt der Moral weit voraus. Nur ein Ereignis könnte den großen Angriff noch verhindern: Die Flucht oder der von Hussein.

Die Originalversion dieser Aktuellen Analyse finden Sie im Archiv der alten HAUS RISSEN HAMBURG Seite.

         
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