Aktuelle Studie vom 06.02.2006
Das Legoprinzip der globalen Produktion
Eine wachsende Angst geht um in Deutschland: Kein Arbeitsplatz ist mehr sicher. Es kann den altgedienten, berufserfahrenen Facharbeiter ebenso treffen wie den jungen, ehrgeizigen Betriebswirt. Ob in der industriellen Fertigung oder im Marketing, jeder Job könnte morgen in ein osteuropäisches oder asiatisches Billiglohnland verlagert werden. Wie Legosteine lassen sich die Aktivitäten eines Unternehmens auseinander nehmen und in aller Welt wieder mit anderen Bausteinen zusammenfügen. Globalisierung geschieht jeden Tag dadurch, dass sich Unternehmen die Frage stellen, was sie noch in den eigenen vier Wänden produzieren, was sie besser von anderen kaufen und wo sie all ihre Aktivitäten ausüben sollen. Sie sind in der Lage die verschiedenen Funktionen, die sie früher selbst ausgeübt haben, um den ganzen Globus zu verteilen und zu koordinieren.
Dieses Legomodell der Produktion führt dazu, dass die nationale Identität eines Unternehmens immer schwieriger zu erkennen ist. Entscheidungen über Auslagerungen werden immer weniger durch Rücksicht auf soziale Verpflichtung des Unternehmens gegenüber Mitarbeitern, Kommunen und heimischen Zulieferern bestimmt. Die Höhe der Lohnkosten scheint dabei das einzige Entscheidungskriterium zu sein. Hier und da mag es noch Manager und Unternehmer geben, die sich im Namen von 'Standortpatriotismus', 'strategischer Industriepolitik' oder 'Familientradition' diesen Entwicklungen entgegenstemmen. Doch wird die Liebe zum Vaterland, zum Staat oder zur Familie wohl eher nicht den Gewinn und die Produktivität als unternehmerische Entscheidungsgrundlage ablösen. Wie sollen wir dann auf die Globalisierung von Unternehmen und das Legoprinzip reagieren?
Das Fehlen einer Strategie
Im Grunde befinden wir uns in einem Dilemma, das unsere Handlungsfähigkeit lähmt. Einerseits wollen wir nicht darauf vertrauen, dass die selbstregulierenden Kräften des Marktes auch Werte jenseits wirtschaftlicher Effizienz zu verwirklichen vermögen. Andererseits ist uns der Glaube an die erfolgreiche Intervention der Politik in den Marktprozeß, um soziale Werte zu erreichen, in den letzten dreißig Jahren gründlich abhanden gekommen. Eine aktive Politik zu befürworten ist immer einfach zu fordern. Das entscheidende Problem besteht darin, die richtigen Maßnahmen erst zu kennen, zu ergreifen und umzusetzen. Wir haben allerdings bislang noch keine wirtschaftspolitisch tragfähigen Antworten auf die Globalisierung der Produktion. Kein westliches Industrieland hat sie!
Die Globale Produktion verändert unsere Gesellschaft grundlegend
Gerade weil wir keine Antworten und erst recht keine Gegenstrategien haben, gilt es, sich auf die folgenden Veränderungen westlicher Gesellschaften einzustellen:
1. Das Ziel der Vollbeschäftigung erweist sich zusehends als Illusion. In welchen Bereichen sollen die fünf Millionen Arbeitslose unterkommen, wenn nicht nur Jobs im produzierenden Gewerbe, sondern auch im Dienstleistungsbereich wegfallen? Selbst klassische Kernbereiche von Unternehmen wie Marketing, Forschung und Entwicklung, Personalmanagement und Buchhaltung werden ins Ausland verlagert. Ökonomen mögen uns beruhigen, dass eine hohe Arbeitslosigkeit in Umbruchzeiten lediglich ein Übergangsphänomen sein wird. Doch woher wissen wir das? Und wie lange wird diese Phase des Übergangs dauern? Wer vermittelt den Wählern und Beschäftigten die Härten des Übergangs?
2. Unser politisches System muß sich darauf einstellen, dass sich Arbeitslose verstärkt zu Wort melden werden und zwar nicht nur als folgsame Wähler. Sie könnten demonstrieren und gewalttätig sein. Welche Risiken und Kosten von Arbeitskämpfen sind wir bereit zu tragen? Ökonomen trösten uns damit, dass der internationale Handel auch Autos, Fernsehgeräte und andere Konsumgüter billiger macht. Leider hilft dies keinem, der seinen Arbeitsplatz verliert und sich diese Dinge nicht mehr leisten kann. Sie helfen auch nicht demjenigen, der nach Einschätzung der Unternehmen angeblich schon zu alt ist, um entweder noch einmal irgendwo neu anzufangen oder sich umschulen zu lassen. Die Auseinandersetzungen in den vergangenen Jahrzehnten der alten Bundesrepublik gingen um Lohnerhöhungen und die ausgewogene Verteilung der Lasten zwischen den Generationen. Was passiert, wenn es in den zukünftigen Konflikten um existentiellere Probleme geht: Eine Absicherung, die zumindest ein Minimum zum Leben abdecken und die Folgen des sozialen Abstiegs abfedern kann. Es gilt also, unser politisches System und die Sozialsysteme rechtzeitig krisenfest zu machen. Wenn die Globalisierung für zu viele Menschen zu große persönliche Risiken mit sich bringt, ist die Wahrscheinlichkeit von Gegenreaktionen groß. Eine zeitgemäße Sozialpolitik muss daher immer auch eine Versicherung gegen die Risiken der Globalisierung sein, sie muß deren existentielle Folgen mildern. Wer seinen Job verliert oder auf der Suche nach eine neuen Beschäftigung ist, darf nicht plötzlich vor dem Nichts stehen. Sozialpolitik kann so die Zustimmung der Menschen zu offenen Märkten und internationalem Wettbewerb erst ermöglichen. Sozialpolitik ist die einzige wirksame Maßnahme gegen Protektionismus, der immer dann auftaucht, wenn sich Menschen schutzlos gegenüber den Kräften der Weltwirtschaft fühlen.
3. Die gegenwärtige Tendenz zur globalen Produktion wird für die westlichen Länder sinkende Löhne und wachsende Einkommensunterschiede mit sich bringen. Arbeitnehmer und Gewerkschaften werden zunehmend bereit sein, auf Gehalt und Urlaub zu verzichten, um wenigstens Teile der Produktion zu retten. Lokal ausgehandelte Tarifverträge werden zunehmend die flächendeckenden Vereinbarungen ablösen. Einem Heer von Arbeitslosen stehen einige wenige sehr gut bezahlte und hoch qualifizierte Menschen gegenüber, die das Glück haben in Nischen zu arbeiten, in denen deutsche Unternehmen noch Weltmarktführer sind. Dazwischen befindet sich die Masse von Angestellten und Arbeiter, deren Beschäftigungsverhältnis unter dem permanenten Vorbehalt der Verlagerung steht. Was bedeutet dies für die Motivation der Mitarbeiter in einem Unternehmen? Wie kann der notwendige Wandel von Strukturen und Prozessen eines Unternehmens noch auf die Einstellungsänderung der Mitarbeiter zählen, ohne die alle Umbaumaßnahmen auf Sand gebaut sind?
Abschottung als falsche Antwort
Die naheliegende Lösung gegenüber der Herausforderung der globalisierten Produktion ist die falsche: Angesichts kommender sozialer Spannungen die eigenen Märkte gegenüber ausländischen Investoren zu schließen oder deutschen Unternehmen zu verbieten, Bereiche zu verlagern. Natürlich besteht die einzig richtige Antwort darin: Die Grenzen offenzuhalten und den Wettbewerb zu stärken, denn die nationale Abschottung und der staatliche Schutz von bestimmten Branchen haben in der Vergangenheit weder Wachstum noch Arbeitsplätze geschaffen. Im Gegenteil, die Produktivität und die Innovationsfähigkeit von Volkswirtschaften ging massiv zurück. Das Bemühen, die Grenzen bei gleichzeitig wachsenden sozialen Verwerfungen offen zu halten, wird die Politik vor eine unvorstellbare Zerreißprobe stellen. Die Offenheit unserer Gesellschaft gegenüber ausländischer Konkurrenz schafft enorme Unsicherheiten und Ängste in Bezug auf das persönliche und nationale Schicksal, da niemand die zukünftige Form neuer Industrien und Arbeitsplätze voraussagen kann. Aber es gibt keine Alternative: Weder Unternehmen noch Länder können es sich leisten, sich dem Wettbewerb zu entziehen. Sie müssen lernen, sich im Wettbewerb zu behaupten. Wirtschaftliche und soziale Ziele können nur dann miteinander in Einklang gebracht werden, wenn Deutschland sich auf Innovation und Wettbewerb konzentriert, indem wir die Marktkräfte nutzen und nicht sie bekämpfen.
So kann Deutschland im globalen Wettbewerb bestehen
Eine aktuelle Studie des Massachusetts Institute of Technology (MIT) hat die Wettbewerbsstrategien von über 500 Unternehmen einem Vergleich unterzogen. Darunter befinden sich sehr viele Firmen, deren Erfolg auf globalen Märkten auch darauf beruht, dass sie kaum oder gar keine Unternehmensteile verlagern, also die Arbeitsplätze in ihrem Heimatland belassen. Offensichtlich ist es nach wie vor möglich, international wettbewerbsfähig zu sein und gute Jobs in Hochlohnländern zu bewahren und zu schaffen. Was hält diese Firmen noch in ihren Herkunftsstaaten? Die Antwort des MIT ist eindeutig: Letzten Endes werden Wettbewerbsvorteile immer zu Hause erarbeitet. Spezialisierte Programme zur Lehrlingsausbildung, verläßliche Beziehungen einer Branche zu einer hoch ausgebildeten Facharbeiterschaft, universitäre Forschungsaktivitäten in Zusammenarbeit mit der Industrie oder besondere Aktivitäten von Wirtschaftsverbänden und Kammern sind die wahren Quellen von Innovation und Produktivität. Die MIT Studie kommt damit zum gleichen Ergebnis wie der Harvard Betriebswirt Michael Porter schon Jahre zuvor. Für ihn wird die Wettbewerbsfähigkeit von Staaten und Unternehmen vor allem durch die geographische Konzentrationen (sogenannten Clustern) von dynamischen und zukunftsorientierten Branchen, anspruchsvollen Zulieferern und Kunden, exzellenten Kommunalbeamten und leistungsfähigen Hochschulen geschaffen. Unternehmen erarbeiten sich zudem Vorteile gegenüber internationaler Konkurrenz, indem sie starken Rivalen auf dem Binnenmarkt ausgesetzt sind. Nur ein scharfer Wettbewerb zu Hause - und nicht staatliche geförderter Fusionen oder selektive Förderung bestimmter Industrien - schafft starke 'nationale Champions', die sich auf den Weltmärkten behaupten können. Die nationalen, regionalen und lokalen Verschiedenheiten und Traditionen beim Erringen der Wettbewerbsvorteile zeigen, dass auch im globalen Zeitalter die Qualität des Standorts eines Unternehmens eine ausschlaggebende Bedeutung hat. Im Zeitalter der globalen Produktion richten sich Standortentscheidungen nicht nur nach den Lohnniveaus. Niedrige Löhne sind nicht alles! Für unternehmerische Entscheidungen können letztlich auch bestimmte regionale oder nationale Vorteile ihres jeweiligen Heimatlandes so wichtig sein, dass sie Arbeitsplätze eher zu Hause schaffen als sie nach Asien oder Osteuropa zu verlagern.
Die Aufgabe der Politik
Daraus folgt, dass Länder und Regionen nur dann Wachstum und Arbeitsplätze schaffen können, wenn sie den Unternehmen ein hervorragendes wirtschaftliches Umfeld anbieten. Die Durchsetzung auf globalen Märkten beruht also nicht auf einem einzigen Erfolgsmodell, nämlich der Verlagerung von Unternehmensaktivitäten in Niedriglohnländer, dem alle Firmen nachahmen sollten. Die Globalisierung diktiert keineswegs die Strategie der niedrigsten Kosten, um auf internationalen Märkten bestehen und wachsen zu können. Es gibt kein Managementsystem und keine Strategie, die universell anwendbar wären. Alternative Antworten auf die Globalisierung sind möglich. Innovation, Produktivität, Wachstum und Arbeitsplätze sind immer auch eine Frage der Qualität des lokalen Standorts und dieser kann durch die Regierungen in Bund, Länder und Kommunen entscheidend beeinflußt werden. Das Ziel jeder Politik in Deutschland muß also die Erhöhung der Leistungsfähigkeit des wirtschaftlichen Umfelds von Unternehmen sein und dabei muß an die bestehenden kulturellen und industriellen Stärken unseres Wirtschaftssystems angeknüpft werden.
Deutsche Wettbewerbsvorteile
Doch was sind die Stärken des deutschen Wirtschaftssystems? Für den Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser bestehen die deutschen Wettbewerbsvorteile in einem eng zusammengehörenden Bündel von kulturellen und institutionellen Rahmenbedingungen:
Im Unterschied zu anderen Ländern ist das deutsche Modell der Marktwirtschaft vor allem auf Langfristigkeit und Kooperation angelegt. Für Abelshauser schafft dieses Modell Wettbewerbsvorteile im Bereich der sogenannten "diversifizierten Qualitätsproduktion", die vor allem auf dem Einsatz von hochentwickelten, anwendungsorientierten Technologien basiert. Ausdruck der Stärke des deutschen Wirtschaftssystems sind die klassischen Industriesparten wie Maschinenbau, Chemieindustrie und Fahrzeugbau. Allerdings steht der historisch gewachsene Ordnungsrahmen des deutschen Wirtschaftssystems vor einem fundamentalen Wandel. Nur wenn seine Anpassung an das Zeitalter der globalen Produktion gelingt, kann dem Legoprinzip etwas entgegengesetzt werden.
Können wir dadurch unseren Wohlstand und unsere Arbeitsplätze retten? Eine Garantie ist es nicht. Aber haben wir eine andere Wahl?
Literaturhinweise
Werner Abelshauser: Deutsche Wirtschaftsgeschichte, München 2004.
Suzanne Berger: How we compete: what companies around the world are doing to make it in today's global economy, New York 2006.
David Landes: The wealth and poverty of nations: why some are rich and some so poor, New York 1998.
Michael E. Porter: On Competition, Boston 1998.
Dani Rodrik: Has globalization gone too far?, Washington DC 1998.
Dr. Eckard Bolsinger