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HAUS RISSEN HAMBURG Angebot Publikationen Aktuelle Studien 20.12.2007   · 

Politische Bildung ist wieder in! Die Zukunft der politischen Bildung für Schülerinnen und Schüler

Aktuelle Studie vom 20.12.2007

Zusammenfassung

So komplex die Umwelt und die Gesellschaft geworden sind, so anspruchsvoll sind auch die Schüler und ihre Erwartungen an politische Bildungsarbeit geworden. Es genügt eben nicht mehr, ihnen im Rahmen des konventionellen „Frontalunterrichtes“ Werte und Politik zu vermitteln. Sie verlangen nach einer interessanteren Gestaltung. Allerdings: Die Vermittlung von politischer Bildung war schon immer eine große Herausforderung, nur führte der bisherige Weg in eine falsche Richtung.

Problematik

Politische Bildung interessiere die Schüler von heute nicht; viele seien wie ihre Eltern von der Politik- und Parteienverdrossenheit ergriffen worden und kümmerten sich nur um ihre eigenen Belange. Das sind die gängigen Klischees, gegen die die heutige Jugend anzukämpfen hat. Tatsache ist jedoch: In der Schule können die überfrachteten Lehrpläne von den Lehrern nur mit Mühe eingehalten werden und gerade der Gemeinschaftskundeunterricht hat gegenüber Hauptfächern wie Deutsch, Mathe und Englisch eine niedrigere Priorität. Und dabei fordern die Lehrpläne u.a. die Ausbildung der Schüler zu politischen Bürgern mit einer ausgesprochenen Demokratiekompetenz: „Wie ist ein gutes Zusammenleben möglich und gestaltbar angesichts konfliktreicher Interessenlagen und gefährdeter Zukunft?“, lautet z.B. die Kernfrage im Rahmenplan Gemeinschaftskundeunterricht an Hamburger Schulen und oft bleibt für die Beantwortung dieser wichtigen Frage wenig Zeit. Wie lernen die Schüler am besten für ihr weiteres Leben Kernkompetenzen wie Konfliktfähigkeit, Wertebezug, Toleranz, Solidarität und eine fundierte Urteilsfähigkeit?

Für Patrick Rosenow, wissenschaftlicher Mitarbeiter am HAUS RISSEN HAMBURG und zuständig für die politische Bildungsarbeit für Schüler, ist eines klar: Mit Mitteln des herkömmlichen Schulunterrichtes ist die Beantwortung dieser Frage in einer sich immer schneller wandelnden und komplexer werdenden Welt nur noch schwer möglich. So komplex die Umwelt und die Gesellschaft geworden sind, so anspruchsvoll sind auch die Schüler und ihre Erwartungen an politische Bildungsarbeit geworden. Es genügt eben nicht mehr, ihnen im Rahmen des konventionellen „Frontalunterrichtes“ Werte und Politik zu vermitteln. Sie verlangen nach einer interessanteren Gestaltung. Allerdings: Die Vermittlung von politischer Bildung war schon immer eine große Herausforderung, nur führte der bisherige Weg in eine falsche Richtung. Konfuzius sagte einmal, „Was du mir sagst, das vergesse ich. Was du mir zeigst, daran erinnere ich mich. Was du mich tun lässt, das verstehe ich“.

Nach diesem Aphorismus wäre es also zwingend notwendig, den Schülern in erster Linie keine langen Vorträge über politische Bildung zu halten, sondern für sie die Politik direkt erfahrbar zu machen, damit die Mechanismen politischer Entscheidungsprozesse und Handlungen selbst durchlebt und damit auch besser verstanden werden können. Eine Möglichkeit, sich aktiv in politische Prozesse einzubinden, sind Politik-Planspiele, bei denen die Schüler selbst zu Akteuren politischer Arbeit werden. Allerdings bedürfen solche Planspiele einer gewissen Vorbereitungszeit, sowohl für die Schüler als auch für die Lehrer. Das mag ein Grund dafür sein, dass Planspiele im Schulunterricht eher die Ausnahme als die Regel sind. Um die angebliche Politikverdrossenheit bei Schülern zu reduzieren, sollten Planspiele aber ein fester Bestandteil in Schullehrplänen werden.

Interaktive Planspiele als Antwort

Eine konkrete Möglichkeit das Interesse für politische Bildung bei Schülern zu wecken, sind Planspiele, die sich z.B. mit den Vereinten Nationen beschäftigen, so genannte „Model United Nations“. Auf der ganzen Welt werden seit einigen Jahren an Universitäten, aber auch an Schulen Konferenzen veranstaltet, deren Struktur der der Vereinten Nationen nachempfunden ist. Gemeinnützige Vereine wie z.B. Deutsche Model United Nations (DMUN) oder das Junge UNO-Netzwerk JUNON organisieren z.T. selbst Model United Nations oder leisten Hilfestellung bei der Organisation. Die Teilnehmer, die während der Konferenz einen strengen diplomatischen Dresscode und Umgangston befolgen müssen, sind ursprünglich Studenten, aber zunehmend auch Schüler. Sie schlüpfen in die Rolle eines Diplomaten und müssen glaubwürdig die Interessen eines UNO-Mitgliedstaates vertreten, aber üblicherweise nicht ihre eigenen. Diese Delegierten debattieren dann als Repräsentanten „ihres“ Landes in simulierten Gremien (z.B. im Sicherheitsrat oder in der Generalversammlung). Diese arbeiten allesamt nach einer strengen Geschäftsordnung, die sich an der Charta der Vereinten Nationen orientiert. Nach einer Tagesordnung werden aktuelle weltpolitische Themen diskutiert und Resolutionstexte entworfen. Die Delegierten versuchen, Unterstützer für ihre Resolutionsentwürfe zu finden oder durch Kompromissbildung im Sinne ihres Landes für sich zu gewinnen, um anschließend im Gremium über die Resolution zu diskutieren. Im Idealfall kann dann nach einer Diskussion und Abstimmung die Resolution endgültig in Kraft treten. Nicht selten sind die Teilnehmer dann so erfreut darüber, dass geklatscht wird. Arbeitssprache der meisten „Model United Nations“-Konferenzen ist Englisch. Unterdessen gibt es jedoch auch Konferenzen, die in einer anderen Amtssprache der Vereinten Nationen, in Deutschland zum Teil auch auf Deutsch, abgehalten werden, wie z.B. die größte deutschsprachige Schüler-Simulation „Model United Nations Schleswig-Holstein“ im Schleswig-Holsteinischen Landtag. Seit Dezember bietet nun auch HAUS RISSEN HAMBURG regelmäßig so genannte „Mini-MUNs“ für Schulklassen und Gruppen Auszubildender an, als eine Art Vorbereitung auf die großen, internationalen Konferenzen.

Geschichte der „Model United Nations“-Konferenzen

Bereits in den 1920er Jahren, deutlich vor Gründung der Vereinten Nationen, fanden die ersten, den heutigen MUNs vergleichbaren Simulationen als „Model League of Nations“ statt. Dabei wurden an verschiedenen Colleges in den USA die Organe des Völkerbundes simuliert. Nachdem der Völkerbund mit dem Zweiten Weltkrieg aufhörte zu existieren, wurde 1945 die Organisation der Vereinten Nationen gegründet. Bereits einige Monate später entstanden, wiederum in den USA, die ersten „Model United Nations“-Seminare und -Konferenzen. Dazu zählte die ebenfalls in den 1920ern entstandene und 1946 wieder gegründete National Model United Nations (NMUN) in New York City mit heute über 3.000 Studenten aus aller Welt. Nach und nach konnte die Idee des Model United Nations aber auch außerhalb der USA Fuß fassen. So wurde 1969 in den Niederlanden die „The Hague International Model United Nations“ (THIMUN) gegründet, die sich im Unterschied zu NMUN vor allem an Schüler richtet.

Was Model United Nations bei Schülern erreichen können


Ein Model United Nations erfüllt gleich mehrere Ziele: Zum einen gibt es den Teilnehmern die Möglichkeit, Weltpolitik einmal selbst hautnah mitzuerleben und sich mit grundlegenden Fragen über globale Zusammenhänge und Hintergründe auseinanderzusetzen. Zum anderen werden die Teilnehmer darin befähigt, sich über komplexe politische Probleme zu informieren und diese anschließend mit anderen Teilnehmern zu diskutieren. Sie sollen sich in die Rolle des Vertreters eines für sie fremden Landes hineinversetzen und so Verständnis für die Probleme und Situationen anderer Völker und Kulturen entwickeln. Nebenbei werden auch Fähigkeiten in Rhetorik, Verhandlungstaktik und Diplomatie, sowie, je nach Art der Konferenz, Fremdsprachenkenntnisse erweitert und vertieft. Nicht zuletzt spielen auch der faire Umgang mit Andersdenkenden und die vorurteilsfreie Auseinandersetzung mit deren Standpunkten eine wichtige Rolle.

Der Erfolg solcher „Model United Nations“-Konferenzen in den letzten Jahren mit mehreren hundert – ja bis zu mehreren tausend Teilnehmern – zeigt, dass es sehr wohl ein Interesse an (internationaler) Politik bei Schülern gibt. Es ist wie so oft nur die Frage nach der Vermittlungsart. Wenn Schüler in die politische Arbeit eingebunden, mitgenommen werden und des Öfteren schauspielerische Fähigkeiten an den Tag legen dürfen, dann sind sie auch bereit, Zeit in ein solches einmaliges Erlebnis zu investieren. Die Mühe lohnt sich für die Beteiligten allemal.

Die Antwort auf die Frage, wie ein gutes Zusammenleben angesichts konfliktreicher Interessenlagen möglich und gestaltbar ist, können Model United Nations für jeden einzelnen relativ greifbar machen. Durch das eigenständige Erfahren und die Sensibilisierung für andere Sichtweisen können die Schüler neue Erkenntnisse gewinnen und sie leichter für das praktische Leben anwenden als Vorträge, getreu dem Aphorismus des weisen Konfuzius: „Was du mir sagst, das vergesse ich. Was du mir zeigst, daran erinnere ich mich. Was du mich tun lässt, das verstehe ich“.

Patrick Rosenow

wissenschaftlicher Mitarbeiter
HAUS RISSEN HAMBURG
Internationales Institut für Politik und Wirtschaft

E-Mail: rosenow(a) hausrissen.org


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