Der Wandel der Wirtschaft und das Ende des Modells Deutschland

Aktuelle Studie vom 23.12.2005

Die Trendwende scheint geschafft. Die depressive Krisenstimmung weicht verhaltenem Optimismus. Nach Jahren lähmender Stagnation soll Deutschlands Wirtschaft wieder an Fahrt gewinnen. Angesichts der anspringenden Binnennachfrage und erfolgreichen Exportquoten korrigieren die Bundesregierung und die führenden Wirtschaftsinstitute ihre Wachstumsprognosen nach oben. Leider kann sich der ersehnte Aufschwung als trügerisch erweisen, denn keines der zentralen wirtschaftliche Probleme wird von der Politik frontal bekämpft. Der Arbeitsmarkt ist immer noch im Würgegriff von Arbeitsrecht, Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden gefangen, die Sozialsysteme bewegen sich permanent am Rande des Zusammenbruchs und die öffentlichen Schulden schrauben sich in Rekordhöhen. Alle Erfahrung zeigt, daß eine Regierung in den ersten zwölf Monaten ihrer Amtszeit schmerzhafte Änderungen ins Werk setzen muß. Gelingt ihr das nicht, wird sie scheitern.



Alle positiven Prognosen für 2006 täuschen aber über eine Tatsache hinweg: Wir leben in einer Periode des tiefgreifenden Wandels der Wirtschaft. In seinen Konsequenzen wird er vielleicht radikaler sein als die industrielle Revolution im 19. Jahrhundert. In diesem wirtschaftlichen Strukturwandel bleibt nichts mehr so wie es in den letzten fünfzig Jahren war. Dieser Umbruch ist so umfassend, daß er das deutsche Wirtschaftssystem grundlegend verändern wird. Das Ende des Modells Deutschland steht unmittelbar bevor und keiner will es wahr haben. Fünf gleichzeitige Trends lassen endgültig die alte Bundesrepublik hinter uns.



1. Der Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft




In den letzten fünf Jahrzehnten ging die Zahl der Erwerbstätigen im Bereich des produzierenden Gewerbes von 46 Prozent auf 26 Prozent zurück, während im Dienstleistungsbereich diese Zahl von 32 Prozent auf 72 Prozent anstieg. Dieser Rückgang der industriellen Fertigung und der Anstieg der Dienstleistungen in Deutschland folgt dabei nur der Entwicklung in den anderen westlichen Wirtschaftsnationen. So sind in Großbritannien und den USA nicht einmal mehr vierzehn bzw. zehn Prozent der Erwerbstätigen im produzierenden Gewerbe beschäftigt. Durch die zunehmende Automatisierung und Rationalisierung werden zwar noch hohe Produktivitätsgewinne erzielt. Aber Beschäftigungsmotor ist die klassische Industrie schon lange nicht mehr. In gewisser Weise ist die Deindustrialisierung Deutschlands eine natürliche Phase wirtschaftlicher Entwicklung. Je wohlhabender wir werden, um so weniger Arbeiter werden im Industriebereich benötigt. Wirtschaftswachstum und Beschäftigung in Deutschland werden nicht mehr bei der Herstellung von Textilien oder von Küchengeräten geschaffen. Deutsche Wettbewerbsvorteile liegen in den wissensintensiven Bereichen. Während es Großbritannien und den USA gelang neue Jobs für hoch- und geringer qualifizierte Arbeitnehmer im Dienstleistungsbereich zu schaffen, hat die deutsche Politik keine Antwort auf den Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft. Sie verharrt in der Opferrolle gegenüber einem Trend, den es als Chance zur Modernisierung der Volkswirtschaft zu nutzen gilt. Deutschlands Zukunft hängt von seiner Fähigkeit ab, sich dem Wandel zur Dienstleistungsgesellschaft anzupassen.



       2. Die Globalisierung der Unternehmen
   



Der Wandel zur Dienstleistungsgesellschaft wird verstärkt, indem deutsche Unternehmen ihre Produktion zunehmend ins Ausland verlagern. Der globale, scharfe Wettbewerb zwischen Unternehmen zwingt diese sich systematisch Wettbewerbsvorteile zu erarbeiten. Jede einzelne Aktivität des Unternehmens wird auf ihre betriebswirtschaftliche Effizienz überprüft. Falls erforderlich, werden die meisten Bereiche in andere Länder verlegt. Niedrigere Kosten, ein leichterer Marktzugang oder eine bessere Kundennähe geben immer häufiger den Ausschlag dafür, daß deutsche Firmen ihrem Heimatland den Rücken kehren. Doch Kosteneffizienz vermeidet lediglich einen Wettbewerbsnachteil gegenüber Konkurrenten. Jedes Unternehmen muß sich deshalb strategisch so ausrichten, daß es sich eine einzigartige und unverwechselbare Position erarbeitet. Dies erfordert eine klare Entscheidung darüber, welche Unternehmensbereiche nicht mehr zum Kerngeschäft gehören und damit eingestellt oder verkauft werden sollen. Auch dieser Prozeß kostet zunächst einmal Arbeitsplätze. Wiederum reagiert die Politik auf dieses Faktum konzeptionslos und beschränkt sich auf den Vorwurf des mangelnden Patriotismus, wenn Unternehmen versuchen sich im globalen Wettbewerb zu behaupten.




3. Die Globalisierung und Regionalisierung der Wirtschaft
      



       Seit zwanzig Jahren ziehen Regierungen auf der ganzen Welt Lehren aus dem Scheitern aller Alternativen zu Marktwirtschaft und Freihandel. Indem sie ihre Märkte nach Innen liberalisierten und nach Außen öffneten, haben sich die Volkswirtschaften zunehmend verflochten. Dieser Prozeß der Globalisierung führt dazu, daß nicht nur Unternehmen miteinander konkurrieren, sondern auch Staaten bemüht sind, ihre Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen. Diese bemißt sich allein an der Attraktivität eines Landes als Standort für Firmenansiedlungen und Investitionen. Ein attraktives Umfeld für produktive Unternehmen wird immer regional und lokal geschaffen. Deswegen nimmt die Bedeutung von Nationen und Regionen im Prozeß der Globalisierung nicht ab, sondern im Gegenteil zu. Nationale Wettbewerbsvorteile und damit wirtschaftliches Wachstum werden durch eine zukunftsorientierte, dynamische und anspruchsvolle heimatliche Wettbewerbsumgebung ermöglicht. All dies kann die Politik positiv beeinflussen. Doch gibt es eine nationale Wettbewerbsstrategie für Deutschland, die begreift, daß Wirtschaftspolitik mehr ist als Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik? In einem strategischen Gesamtkonzept müßten sich Bildungspolitik, Sozialpolitik, Beschäftigungspolitik, Forschungspolitik allein am Erfordernis der verbesserten internationalen Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft ausrichten. Der Sozialstaat wird sich zum Wettbewerbsstaat wandeln.
      




      4. Das Ende des rheinischen Kapitalismus
      



       In den vergangenen zehn Jahren hat sich von der Öffentlichkeit fast unbemerkt ein Wandel vollzogen, der ein typisches Merkmal des deutschen Wirtschaftssystems, des sogenannten rheinischen Kapitalismus, beseitigte: Die Überkreuzbeteiligungen von Unternehmen sowie die Dominanz von Management und Aufsichtsrat gegenüber den Anlegern. Durch eine simple Änderung des Steuerrechts konnten sich Banken, Versicherungen und Industrieunternehmen von ihren Anteilen an anderen Banken, Versicherungen und Industrieunternehmen trennen. Das Resultat ist eine Entflechtung der Deutschland AG. Nun ist es möglich, daß ausländische Fonds, Banken und Unternehmen Anteile an deutschen Firmen kaufen können und logischerweise auch die Unternehmens- und Personalpolitik mitbestimmen wollen. Die Aktionärsversammlung und der Gewinn der Aktionäre werden dadurch zu den entscheidenden Instanzen vor denen sich die Geschäftsleitung zu messen hat. Der Entscheidungsspielraum des Managements wird eingeengt und der Einfluß der Politik zurückgedrängt.
   




       Das Ende der Deutschland AG bedeutet daher auch das Ende des kooperativen Kapitalismus. Die enge und undurchschaubare Zusammenarbeit zwischen Unternehmensverbänden, Gewerkschaften, Staat, die so typisch für deutsche Großunternehmen war, gehört endgültig der Vergangenheit an. Alleiniger Maßstab für die Führung von börsennotierten Unternehmen wird mehr und mehr die Wertsteigerung der Aktien sein, der shareholder value. Ob dadurch die deutsche Managementkultur amerikanisiert wird bleibt weiter offen. Sicher ist nur eines, die deutsche Politik gestaltet diesen Wandel nicht aktiv. Sie läßt ihn zu, will es aber dann nicht gewesen sein. Auch so kann man der Ruf von Globalisierung und Marktwirtschaft ruiniert werden. Wenn deutschen Banken und Unternehmen weiterhin Beteiligungen im Ausland möglich sein sollen, muß dies auch umgekehrt gelten. Alles andere ist Provinzialismus, der sich als Schutz gegenüber dem Ausverkauf vermeintlicher deutscher Interessen aufbläst.
   




       Der rheinische Kapitalismus ist auch deshalb ein Auslaufmodell, weil sich mehr und mehr die Erkenntnis durchsetzt, daß wir bislang dem Staat zuviel aufgebürdet haben als er letztlich leisten kann. Wir stehen vor einer grundsätzlichen Neubestimmung der Staatsaufgaben an deren Ende dem Einzelnen mehr Verantwortung für sein Leben zugemutet wird. Der Sozialstaat wird zwar die wirklich Bedürftigen noch absichern können. Wer aber mehr soziale Sicherheit möchte, muß sie sich bei Banken und Versicherungen kaufen. Der Staat wird sich mehr und mehr aus dem wirtschaftlichen Leben zurückziehen und für den freien Wettbewerb von Unternehmen sorgen. Er wird die Disziplin des Marktes begreifen und mehr auf individuelle Initiative und die gesellschaftliche Selbstregulierung setzen. Die Finanzkrise des Staates läßt keine andere Wahl.
   

5. Der Wandel der Arbeit



Die jetzige Rentnergeneration ist die letzte, die noch in den Genuß eines Arbeitsplatzes gekommen ist, an dem man sein ganzes Erwerbsleben unbehelligt von neuem Wissenserwerb verbringen konnte. In einer turbulenten Zeit wie der unseren wird der Wechsel von dem einen zum anderen Unternehmen und die Unsicherheit des Anstellungsverhältnisses zum Normalfall. Ein Blick in den Freundes- und Bekanntenkreis genügt. Von jedem einzelnen wird zukünftig mehr Bereitschaft zur Anpassung an die unsichere Auftragslage von Unternehmen gefordert. Lebenslanges und berufsbegleitendes Lernen entwickeln sich zu den entscheidenden Schlüsselqualifikation. Eigenverantwortliches Handeln im Beruf und die Fähigkeit, seine Arbeit selbst zu strukturieren sind Teil eines geänderten Anforderungsprofil für Mitarbeiter. Eigenschaften, die vor zwanzig Jahren einer Führungskraft vorbehalten waren, gehören zunehmend zu den Standardanforderungen von Unternehmen, die sich im globalen Wettbewerb behaupten müssen. Auf allen Ebenen müssen sich Mitarbeiter für Produktivitätssteigerungen und Innovationen aktiv einsetzen. Doch dies erfordert ein bestimmtes Leistungsverständnis und Wissensniveau der Mitarbeiter. Leider antwortet die deutsche Politik auf den Wandel der Arbeit nicht mit einer langfristig angelegten Bildungs- und Weiterbildungsinitiative. Eine solche Initiative wäre aber nötig, um deutschen Unternehmen einen Wettbewerbsvorteil zu sichern. Dieser liegt in qualitativ hochwertigen Produkten und Dienstleistungen und nicht im Schutz von arbeitsintensiven Jobs.




Das Versagen der Politik und die Chance von Unternehmern



Eine Politik, die sich schon mit den kleinsten Reformen des Sozialstaates und des Arbeitsmarktes schwer tut, wird keine Antwort auf diese fünf Entwicklungstrends finden. Darüber sollten wir keine Illusionen haben. Wenn die politische Führung vor diesen Herausforderungen der deutschen Wirtschaft versagt, bleiben einzig die Unternehmer. Diese sind alltäglich mit dem Wandel konfrontiert. Sie ändern die Strukturen und Prozesse ihres Unternehmens, um im verschärften Wettbewerb bestehen zu können. Doch alle Änderungen interner Abläufe werden ins Leere gehen, wenn sie nicht die Denkgewohnheiten und Routinen der Mitarbeiter einschließen. Deutsche Unternehmer müssen ein vitales Interesse daran haben, daß ihre Mitarbeiter und die Öffentlichkeit den Strukturwandel begreifen und aktiv unterstützen. Ein Unternehmer, der auf ein Umfeld trifft, das sich dem Wandel verweigert und das den Kampf um Wettbewerbsvorteile als "Heuschrecken-Kapitalismus" oder als "unpatriotisches Verhalten" denunziert, hat im Grunde den Konkurrenzkampf schon verloren. Die soziale Verantwortung des Unternehmers ist das Erzielen von Gewinn durch gesteigerte Produktivität und Innovation. Gewinn kann aber nur erzielt werden, wenn dies von den Mitarbeitern und der Öffentlichkeit verstanden und akzeptiert wird. Sollte dies nicht mehr der Fall sein, wird unternehmerischem Handeln die sachliche und moralische Basis entzogen. Deshalb muß jeder Unternehmer seinen Teil dazu beitragen, daß das Verständnis des strukturellen Wandels der Wirtschaft gefördert wird und sich das Denken an die geänderten Bedingungen anpaßt. Er betreibt dabei Werbung in eigener Sache und beteiligt sich am Aufbau eines neuen Modells Deutschland.


Dr. Eckard Bolsinger


         
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