Aktuelle Studie vom 04.09.2007
Es war das Sommerthema des Jahres 2006: die Generation Praktikum! Eng verbunden sind auch die Stichwörter des neuen Prekariats und der urbanen Penner. Ein Jahr später hört man nur noch wenig von diesem Phänomen. War nichts dran? War es doch mehr gefühltes Phänomen als Realität? Oder verdeckt nur der Rückgang der Arbeitslosigkeit das Problem? Zum Start des neuen Schuljahres nimmt Michael Gwosdz die Generation Praktikum noch einmal in den Blick.
Linn holte weit aus, um die Perspektiven ihrer Eltern mit ihren eigenen zu vergleichen, als da wären „ein Haus, zwei Kinder, ein Garten, ein Hund ein Auto“ gegen „genug Geld für den nächsten Monat verdienen“.
Mit diesen Worten brachte „Die Lebenspraktikanten“ die Zukunftsaussichten der Heldinnen und Helden der Generation Praktikum auf den Punkt. Und sie lässt Linn noch weiter ausführen …
…, wie sie den Lebensstandard ihrer Eltern mit ihrer jetzigen Lebensweise nicht erreichen würde. Ihrer Eltern erzählten zwar immer, wie sie sich als Studenten zu zweit ein Bier in einer Kneipe geteilt hatten, wie sie in ihren ungeheizten Zimmern mit Mütze schlafen mussten, wie sie nur einmal in der Woche bei der Vermieterin duschen durften …
Und schließlich erläutert Linn ihren Eltern:
Der große Unterschied und eine größere Herausforderung ist (…) dass wir heut unser Leben wochenweise organisieren müssen. Wenn eine Sache klappt, können wir uns nicht darüber freuen und kurz durchatmen, sondern müssen schon die nächste planen. Wir sorgen uns darüber, was morgen ist. Wir strampeln uns ab und müssen mit dieser Existenzangst leben. Ihr konntet wenigstens sparen, ihr hattet ein Ziel und habt es erreicht!, ruft sie neidisch. Am Ende jedes Monats, am Ende jeder Woche bleibt uns leider nichts für Anschaffungen oder als Ruhekissen übrig. Sparen würde bedeuten, in die Zukunft denken zu können. Sie aber kann höchstens Auskünfte über das Heute geben. Die Eltern hatten damals wenigstens die Aussicht auf längerfristige Anstellungen und ein regelmäßiges Einkommen. „Aussichten wären schön, oder?“
Junge, gut ausgebildete Menschen hangeln sich von Praktikum zu Aushilfsjob und zurück, ohne Zukunftsperspektiven auf eine dauerhafte feste Anstellung mit regelmäßigem Einkommen. So das perspektivlose Bild, dass 2006 die Medien von der nächsten Generation der Berufstätigen zeichneten. Dieses Bild wird als Widerspruch zur gewünschten Norm der lebenslangen Festanstellung wahrgenommen. Doch diese gewünschte Norm ist nur noch selten zu finden. Bereits 1999 hielt der Volkwirtschaftsprofessor Gerhard Willke fest:
„Stabile und relativ sichere »Normalarbeitsverhältnisse« gehören als Norm der Vergangenheit an; Erwerbspersonen in einem Normalarbeitsverhältnis sind bereits in der Minderheit und ihr Anteil geht weiter zurück. Erwerbsarbeit wird diskontinuierlich, Erwerbsbiograhpien zunehmend fragmentiert.“
Wenn dies also schon Ende der 1990er Jahre so war, warum dann vergangenes Jahr die Aufregung? Mit der einprägsamen Namensgebung 2005 durch ZEIT-Autor Matthias Stolz wurde das Phänomen greifbar und medienwirksam präsentierbar. Zugleich kam es 2005 in Frankreich zu Protesten der „Génération Précaire“. Nun war es nahe liegend, in Deutschland nach Parallelen zu suchen. Eine im April 2006 gestartete Online-Petition forderte, dass aus Praktika über drei Monate reguläre Beschäftigungsverhältnisse werden. Rund 40.000 Menschen unterschrieben diese und brachten schließlich den Petitionsserver zum Absturz. Diese Petition schien aufzuzeigen, dass es sich nicht nur um eine Erscheinung am Rande handelte, sondern um ein breiter wahrgenommenes Problem. Die Berichterstattung hatte jedoch ein Manko: sie fußte auf subjektiven Wahrnehmungen, da verlässliche Zahlen und Studien fehlten.
Diese liegen inzwischen vor: „Kettenpraktika oder Praktikumskarrieren sind eine Randerscheinung“ ist das Fazit einer Studie des Hochschulinformationssystems, das 12.000 Hochschulabsolventen des Jahrgangs 2005 befragte. Die Ergebnisse überraschen. Lediglich jeder achte Absolvent eines Fachhochschulstudiengangs und jeder siebte Universitätsabgänger hat nach dem Studium noch ein Praktikum absolviert. Natürlich gibt es hier Unterschiede zwischen den Studiengängen – Pharmazeuten mit zwei Prozent sowie Maschinenbauer und Wirtschaftsingenieure kennen die Probleme „Generation Praktikum“ kaum. Eher sind es schon Biologen und Psychologen mit 20 Prozent, Architekten mit 21 Prozent und schließlich die Sprach- und Kulturwissenschaftler mit 26 Prozent Anteil an Absolventen, die nach dem Studium erst einmal im Praktikum landen. Dazu passt, dass „Presse, Rundfunk und Fernsehen“ sowie „Kunst und Kultur“ die beiden Branchen sind, die zusammen allein zwanzig Prozent aller Universitätsabsolventen aufnehmen, die nach dem Studium in einem Praktikum landen. Zugleich ist in diesen beiden Branchen die Chance auf Weiterbeschäftigung am Geringsten, denn zusammen bieten sie nur sechs Prozent der Universitätsabsolventen eine Beschäftigung.
Diese Zahlen legen eine Vermutung nahe: das Phänomen wurde durch die Medienvertreter überzeichnet, da es in ihrem eigenen Umfeld besonders häufig auftritt. Doch die Studie des Hochschulinformationssystems ist nicht ganz unproblematisch. Sie zieht auch das Fazit: „In der Zeit danach gelingt vielen dann der Sprung in die Erwerbstätigkeit“. Aber was heißt viele? Tatsächlich findet nur jeder zweite Universitätsabsolvent nach dem Praktikum eine reguläre Erwerbstätigkeit. Zwanzig Prozent flüchten sich dagegen in die Promotion, jeder zehnte schließt einen Werkvertrag ab oder geht einer Honorararbeit nach. Als arbeitslos gelten dagegen ein halbes Jahr nach dem Praktikum nur noch sechs Prozent der Ex-Praktikanten – regulär beschäftigt ist aber ebenfalls nur jeder Zweite. Und damit bleibt die Problematik der „Lebenspraktikanten“ durchaus bestehen.
Zur Qualität der Beschäftigung gibt eine andere Studie des Hochschulinformationssystems interessante Hinweise. Untersucht wurde die Beschäftigungssituation. Das Ergebnis: die meisten Hochschulabsolventen haben gute Chancen, zu einem frühen Zeitpunkt und mit dauerhafter Perspektive eine angemessene Beschäftigung aufzunehmen. Aber es gilt auch:
„Entscheidend ist der Berufseinstieg: Wer zu Beginn eine adäquate Tätigkeit aufnimmt, übt eine solche mit hoher Wahrscheinlichkeit auch fünf Jahre später noch aus.“
Verschlechtern sich damit die Chancen für diejenigen, die nach dem Studium in die Praktikumsmühle geraten? Nicht unbedingt, halten die Autoren der Studie fest:
„Umgekehrt lässt sich aber nicht sagen, dass eine zunächst inadäquate Beschäftigung diesen Status auch langfristig determiniert. (…) Inadäquate Beschäftigung ist somit nicht das Problem der Hochschulabsolventen, sondern das Problem der Absolventen bestimmter Fachrichtungen.“
Eine weitere Option ist für eine wachsende Zahl von Absolventen eine freiberufliche oder selbständige Tätigkeit. Während in Deutschland die Selbstständigenquote zehn Prozent beträgt, sind es laut einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung unter Universitätsabsolventen aus Berlin und Köln drei Jahre nach dem Abschluss etwa 16 Prozent. Die Ursachen dafür sind vielfältig. Bettina Klassen, die bei der Lawaetz-Stiftung Existenzgründer berät, stellte bei einer Diskussion im Haus Rissen Hamburg fest:
„Viele Menschen, gerade im Dienstleistungsbereich, rutschen über vorübergehend gedachte Honorartätigkeiten ohnehin in die Freiberuflichkeit, ohne das zunächst so wahrzunehmen.“
Der Schritt in die richtige Selbständigkeit ist dann ein logischer. Eine weitere Alternative zur vermissten Normbeschäftigung ist Zeitarbeit. Diese Beschäftigungsvariante wird auch für hoch qualifizierte Menschen immer attraktiver. Denn die Zukunft der Arbeit liegt im flexiblen Zusammenstellen von Projektteams innerhalb von Unternehmen. Je nach Auftrag oder geplanter Neuentwicklung werden passende Mitarbeiter bei Zeitarbeitsfirmen angefordert oder als Freiberufler hinzugezogen. Nach erfolgreichem Projektende kann das Team ohne Probleme aufgelöst werden, für das nächste Projekt sind dann wieder ganz andere Fähigkeiten gefragt. Und so zeigt die Studie der Hans-Böckler-Stiftung eine „recht unruhige, durch einen häufigen Wechsel des Erwerbsstatus gekennzeichnete“ Phase des Übergangs auf, die sich mit der Erfahrung unserer Lebenspraktikantin Linn deckt:
„23 Prozent der Absolventen waren nach dem Studium bis zum Befragungszeitpunkt zwischenzeitlich arbeitslos (…). Zehn Prozent der Absolventen war drei Mal oder häufiger abhängig beschäftigt. Zehn Prozent der Absolventen waren in der 3 1/2-jährigen Interimsphase (…) zwei Mal und häufiger selbständig/freiberuflich tätig. Dabei werden drei Viertel der Interimsphasen freiberuflicher/ selbständiger Tätigkeit von den Absolventen als finanziell sehr unsicher bzw. prekär bezeichnet.“
Und auch andere Schattenseiten der Generation Praktikum bestätigen die Studien durchaus. So waren 34 Prozent der Praktika laut Hochschulinformationssystem unvergütet, elf Prozent litten zudem unter schlechten Arbeitsaufgaben.
Doch Frank Schneider, der mit dem Verein fairwork für gute Praktikabedingungen kämpft, betont: „Es gibt auch gute Praktika.“ Ein Praktikum bleibt die beste Chance, sich während der Schul- oder Studienzeit Einblicke in verschiedene Berufe zu verschaffen. Zudem zeigt die Untersuchung des Hochschulinformationssystems: eine geeignete Studiengestaltung, vor allem durch einen frühzeitigen Aufbau von Praxiskontakten erhöht die Chancen auf eine angemessene Erwerbstätigkeit. Und die Hans-Böckler-Stiftung kommt zu dem erfreulichen Ergebnis:
„Über ein Drittel der Absolventen erhielten durch eines der Praktika eine Beschäftigung.“
Kurzfristige Beschäftigungsverhältnisse, Zeitarbeit, freiberufliche und selbständige Tätigkeit sind inzwischen Normalität, aber auch eine große Chance. Wichtig ist es, auch die künftigen Patchworkbiographien wie einst die klassische Karriere gezielt zu verfolgen: Nicht jedes Praktikum machen, beim Bewerbungsgespräch gezielt nach den Einsatzmöglichkeiten fragen. Dann können die gefürchteten prekären Schwebezustände eher vermieden werden und es lässt sich trotz aller Unsicherheit ein erfolgreiches Arbeiten verwirklichen.
Zum Schluss noch einmal zu Nikola Richters Lebenspraktikanten. Giulia, eine andere Heldin, hat das Glück einer Festanstellung, die auf zwei Jahre befristet ist:
„Eine Sicherheit wie eine Ewigkeit, ein Tagesablauf wie aus dem letzten Jahrhundert, eine seltsam ung ewohnte Situation. (…) Sie hängt sich mit Biss hinein in die neue Arbeit, sie ist eingespannt wie ein Pferd in einen Göpel, diese urtürmliche Radkonstruktion zur Energieerzeugung. Es geht immer im Kreis, arbeiten, schlafen, arbeiten, schlafen, nicht das Tempo verringern, denn es gibt viele andere Pferde, die ebenfalls kräftig, jung, gut dressiert und ausdauernd sind und die gerne an ihrer Stelle wären.“
Ob mit Job oder Praktikum, ob befristet, unbefristet oder freiberuflich – die Arbeitswelt ist im Wandel, die lebenslange Beschäftigung mit Acht-Stunden-Tag ein verblassendes Phänomen der Industriegesellschaft. Die „Generation Praktikum“ ist mit all den viel diskutierten Schattenseiten Alltag. Doch für viele Praktikanten endet diese Phase ihres Beruflebens mit den positiven Erfahrungen des Berufseinstiegs und der realistischen Aussicht auf Vollbeschäftigung. Sie erleben nur von Anfang an, was künftig für die Mehrheit das normale Arbeitsleben sein wird: das Pendeln zwischen fester Beschäftigung und Selbständigkeit, unterbrochen auch von Phasen der Arbeitslosigkeit, bei immer wieder wechselnden Arbeit- und Auftraggebern – und damit auch das Hin und Her zwischen Tretmühle und Traumjob!
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Michael Gwosdz
HAUS RISSEN HAMBURG
Internationales Institut für Politik und Wirtschaft
E-Mail: gwosdz(a) hausrissen.org