Aktuelle Analyse Nr. 163 vom 27.12.2006
Europa verschläft die grundlegenden Umwälzungen der Weltpolitik. Während die Karten im geostrategischen Spiel neu gemischt werden, beschäftigt sich die Europäische Union lieber mit sich selbst. Europa droht ein relativer Bedeutungsverlust, wenn es nicht endlich seine Rolle in einer sich rapide wandelnden Welt bestimmt. Statt sich um die Wiederbelebung eines toten Verfassungsvertrags zu kümmern, sollte Deutschland während seiner Ratspräsidentschaft damit beginnen, Europa zu einer Weltmacht aufzubauen.
Worin besteht der fundamentale Wandel der internationalen Beziehungen?
Dieser grundlegende Wandel der internationalen Beziehungen zeigt, dass die ruhige und stabile Nachkriegszeit endgültig vorüber ist. Wir stehen vor zukünftigen Turbulenzen, auf die die Europäische Union noch keine Antworten gefunden hat. Europäische Politik wirkt seltsam provinziell gegenüber diesen massiven Herausforderungen. Die Debatten kreisen um den Verfassungsvertrag, die Verlagerung von Arbeitsplätzen und Umweltfragen. Europa muss demgegenüber lernen, seine Politik in einem globalen Rahmen zu sehen und danach zu handeln. Es muss sich behaupten zwischen dem liberalen Imperialismus der USA und dem autoritären Imperialismus Russlands und Chinas. Die EU gilt es, in wirtschaftlicher, politischer und kultureller Hinsicht, als Gegengewicht zu den USA, Russland und China auszubauen. Sie muss das Vormachtstreben einer jeden dieser Mächte verhindern und danach streben, zwischen deren Interessen einen Ausgleich zu finden. Internationale Sicherheit und Wohlstand liegen in einem globalen Gleichgewicht der Großmächte und nicht in der Dominanz eines einzigen Staates.
Deutschland sollte während seiner Ratspräsidentschaft damit beginnen, Europa zu einer Weltmacht aufzubauen. Dazu muss es den Mut finden, neue Wege zu gehen. Mit den folgenden Themen könnte eine erste Schneise geschlagen werden:
Die Fortsetzung des europäischen Integrationswerkes und seine Anerkennung bei den Bürgern kann nicht durch die alleinige Konzentration auf innereuropäischen Themen geleistet werden. Die politische Einheit und Legitimität Europas wird das Resultat eines nach außen mächtigen Europas sein. Zudem, wenn die europäischen Nationalstaaten nicht an internationalem Gewicht verlieren wollen, bleibt nur ein Weg: Die EU zu einer Weltmacht zu entwickeln. Weltmacht Europa – das sollte die Leitidee der deutschen EU-Ratspräsidentschaft werden. Das wäre ein Ziel, das jeder innerhalb und außerhalb der EU sofort verstehen könnte: Denn militärische und wirtschaftliche Macht sind die einzige Währungen, die in den internationalen Beziehungen zählen.
(eb)