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Aktuelle Analyse Nr. 153 vom 13.03.2006
Das Spielfeld wird selbst zum Spieler
Im Jahre 1698 fing John Castaing an, mit Schuldverschreibungen und Aktien zu handeln. Das war die Geburtsstunde der Londoner Börse. Nach mehr als dreihundert Jahren des Kaufens und Verkaufens ist dieses Denkmal des Kapitalismus selbst zum Kaufobjekt geworden. Nach zwei erfolglosen Angeboten der Deutschen Börse und der australischen Macquarie Bank hat jetzt die Technologiebörse Nasdaq (mit einem um 64 Prozent höheren Angebot) ihren Hut in den Ring geworfen. Die Großaktionäre der Londoner Börse (LSE) reagierten positiv. Bei der Konsolidierung der Börsenlandschaft stehen immer schnellere und kostengünstigere Handelsmöglichkeiten und ein breiteres Produktangebot mit Aktien, Anleihen und Optionen im Vordergrund. Und nicht zu vergessen: Die Interessen der Eigentümer.
John Castaing fing mit Wechseln an und heute kauft eine Börse eine andere. Das Spielfeld wird somit selbst zum Spieler. Aktionäre
freuen sich über den Ertrag, aber es wäre wohl besser, wenn es im Hurrikan des Gewinnstrebens ein ruhiges Auge - nämlich die unabhängige Börse - geben würde. Wenn aber eine Börse eine andere kauft, dann muss sie die gigantischen Akquisitionskosten wieder reinholen. Die neuen Eigentümer werden bald auf die Ertragssteigerung der neuen Mega-Börse pochen. Bei der Übernahme der LSE geht es also letztlich um die Steigerung der Marktmacht und damit um die Möglichkeit, die Preise der eigenen Dienstleistungen zu diktieren. Der Markt hat eine unerbittliche Logik, mit der er sich selbst in Frage stellt.
Wer am Ende den Zuschlag bekommt, ist unklar. Die Technologiebörse Nasdaq und die Londoner Börse sind nicht wirklich kompatibel. Wahrscheinlicher ist eher die Übernahme der LSE durch die New York Stock Exchange (NYSE). Letztlich ist der Preis entscheidend und die NYSE verfügt (aus ihrem gerade vollzogenen
Börsengang) über viel Geld; die Nasdaq ist dagegen mit über 1,2 Mrd. $ verschuldet und müsste z.T. einen Aktientausch anbieten.
Das transatlantische Beziehungsgeflecht verdichtet sich
Unabhängig davon, welche amerikanische Börse schließlich zum Zuge kommt, wäre es kurzsichtig, nur die betriebswirtschaftlichen Folgen der sich anbahnenden transatlantischen Verbindung zu betrachten. Durch die jüngsten Ereignisse sind die Europäer unter Handlungsdruck geraten. Schon Ende Februar hatte die Deutsche Börse den Zusammenschluss mit der Vier-Länder-Börse Euronext (Frankreich, Belgien, Portugal und den Niederlanden) vorgeschlagen. Die Reaktion war bisher eher abwartend, vor allem, weil die Machtfrage nicht geklärt ist. Wo soll der Hauptsitz sein und wer hat das Sagen? Deutsche Börse oder Euronext? Jetzt muss gehandelt werden und es wird sich zeigen, ob die Europäer bereit sind, die nationalen Rivalitäten zu überwinden und wirklich europäisch zu handeln. Sicher ist dies nicht.
Der Euro ist zwar momentan stärker als der Dollar, wirklich etabliert ist er trotzdem noch nicht. Die
Chancen, dass Großbritannien in die europäische Währungsunion eintritt, werden infolge der anstehenden Verstärkung der dollarisierten transatlantischen Finanzströme eher sinken. Großbritannien ist nie wirklich in der EU angekommen und von einer Annäherung kann auch gegenwärtig kaum die Rede sein. Vielmehr ist die transatlantische politische Solidarität seit Irak auch im Kampf erprobt. Die tief verwurzelte transatlantische ökonomische Vernetzung wird durch die geplante LSE-Übernahme bestätigt und weiter gestärkt. Dies alles geschieht zu der Zeit, in der die Europäische Union ohnehin in Gefahr ist, nationalstaatlich unterwandert zu werden. Anstatt gesamteuropäische Solidarität beobachten wir zunehmende Renationalisierung der Wirtschaftspolitik.
Frankreich ist gerade dabei, im Zuge der Herausbildung der sog. "nationalen Champions" eine Großfusion zweier französischer Unternehmen im
Energiesektor zu vollziehen. Die kürzlich beschlossene restriktive Behandlung der ausländischen Investitionen in "strategisch wichtigen" Industriebranchen widerspricht den Wettbewerbsvorstellungen Brüssels, entspricht aber den französischen nationalen Interessen. Ähnliche Tendenzen beobachten wir auch in Spanien; die Regierung wehrt sich gegen die Übernahme des Versorgers Endesa durch das deutsche Energieunternehmen EON. Auch in Deutschland fordern die ersten Stimmen den "Standortpatriotismus".
Amerikanische Hegemonie wird gestärkt
Die amerikanische Hegemonie wird militärisch geschützt, wirklich gestützt ist sie aber auf die ökonomische Kraft. Die Eckpfeiler der amerikanischen Weltherrschaft sind
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