Aktuelle Studie vom 26.07.2005
Zusammenfassung:
Der Begriff "Terrorismus" stammt aus der Zeit der Französischen Revolution und hatte damals eine positive Bedeutung. Regime de la terreur (1793/94) sollte nach der Schreckensherrschaft der Jakobiner Ordnung etablieren. Wenn wir zu den Vorgängern des heutigen Terrorismus auch Partisanen- und Guerillakriege zählen, dann griffen die Terroristen zum ersten Mal in die Kämpfe gegen die Armeen Napoleons im Jahre 1808 ein, nachdem die regulären spanischen Streitkräfte geschlagen wurden.
Die Ausgangsposition des modernen Terrorismus waren die antikolonialistischen Kriege der 60er Jahre, und die lateinamerikanische Stadtguerilla in den späten 60er und Anfang der 70er Jahre. Die Niederlage der Araber im Sechs-Tage-Krieg im Jahre 1967 führte zur Übertragung des bewaffneten Kampfes nach Europa. Die häufigste Form waren damals Flugzeugentführungen und Entführungen von Spitzenpersönlichkeiten (Hans Martin Schleyer). Gleichzeitig formierten sich auch terroristische Gruppierungen in Westeuropa. Die Linksextremisten in Deutschland, Frankreich, Italien und Belgien operierten nach den Kampfmethoden der Stadtguerilla und versuchten, die durch Wohlstand ermatteten Massen zum revolutionären Aufbruch zu bewegen. Ohne Erfolg. Die nationalistischen und separatistischen Gruppierungen in Nordirland, Nordspanien und Korsika benutzten die gleichen Methoden, um ihre Ziele zu erreichen - mit ähnlich problematischen Ergebnissen. In den letzten Jahrzehnten entstanden einige terroristische Gruppierungen am Rande von rechtsextremistischen Gruppierungen.
Der Selbstmordterrorismus ist die Verkörperung und die gefährlichste Form des modernen Terrorismus.
Terrorismus: Macht und Ohnmacht
Die terroristischen Gruppen Bader-Meinhoff, französische "Action direct" oder italienische "Brigadi rossi" haben die Exponenten oder Symbole der herrschenden Verhältnisse angegriffen; die Chance auf Sympathie oder sogar Unterstützung einfacher Bürger sollte eben nicht verspielt werden. Ihr "Krieg gegen das Regime" war gedacht als eine Vorstufe zur Politik; nach dem Kampf wäre es (theoretisch) möglich gewesen, politisch zu handeln.
Der Selbstmord-Terrorismus ist dagegen in mehrfacher Hinsicht apolitisch:
Die Selbstmordattentäter haben keine politischen Ziele.
Robert A. Pape untersucht in seinem neuen Buch "Dying to Win : The Strategic Logic of Suicide Terrorism" die Motive der Selbstmordattentäter. Er stellte fest (für viele Beobachter vermutlich überraschend), dass weniger als die Hälfte (43%) von ihnen religiöse und 57% sekuläre Motive hatten. Die absolute Mehrheit aller Attentäter waren keine sozial benachteiligten, sondern eher etablierte (dem Mittelstand zuzurechnenden) Personen. Die Verzweiflungstat aus Armut ist wohl keine typische Erklärung für die Handlungen der Bombenanttentäter. Die mehrheitlich wirksamen sekulären Motive können sehr vielfältig sein: links- oder rechtsextremistische politische Ansichten oder nationalistische Positionen. Ein (wohl sehr großer) Teil der Beweggründe ist im Einzelschicksal des Täters zu suchen. Um ein zutreffendes Bild über die Motive der Täter zu erhalten, müssten tiefenpsychologische Untersuchungen ihrer Persönlichkeit und ihres Umfeldes durchgeführt werden. Schon jetzt können wir aber festhalten, dass die Motive der Kamikaze-Terroristen sehr unterschiedlich sind, der Modus operandi ist dagegen fast identisch: Weitestgehend selbständig durchgeführte Selbstmordattentate.
Die Bombenattentate sind die moderne Variante des nicht auszumerzenden Phänomens Terrorismus. Der Grund dafür ist nicht ihre Wirksamkeit im politischen Kampf (siehe oben), sondern die einfache Durchführbarkeit des Kamikaze-Terrorismus. Da sich die westlichen Staaten seit dem 11. September 2001 besser schützen, sind große und logistisch aufwändige Aktionen sehr schwer und deshalb selten. Der Kamikaze-Terrorismus ist dagegen einfach machbar, er ist der Krieg des kleinen Mannes. Die komplizierten technischen Vorbereitungen, die Koordinationskosten und den finanziellen Aufwand kompensiert der Selbstmordattentäter selbst dadurch, dass er zum Transportmittel, Zielobjektiv und Auslöser des Angriffs, also zur Waffe wird.
Der Selbstmordterrorismus ist kein ideologisches Konzept, sondern eine zum Selbstzweck mutierte Kampftechnik.
In seinem ziellosen Krieg hat der Kamikaze-Terrorismus zwei strategische Nachteile:
Jeder Anschlag schwächt die strategische Position der Terroristen, weil dadurch die Abwehrreaktion der westlichen Gesellschaften massiver wird.
Die Ansätze zur Bekämpfung des Selbstmord-Terrorismus können hier nur skizziert werden. Auf der strategischen Ebene sind folgende Schritte erforderlich:
Auf der operativen Ebene sind folgende Ansätze erforderlich:
Die wirksamen Ansätze zur Bekämpfung des Selbstmordterrorismus sind bekannt. Das eigentliche Problem ist ihre Akzeptanz.
Absolute Sicherheit gegen den Terrorismus ist nicht erreichbar, aber alles, was wir für unsere Verteidigung tun können, sollten wir tun. Einige der wirksamsten Maßnahmen im Kampf gegen den Terrorismus sind in unserer Gesellschaft (noch) nicht wirklich politikfähig. Deshalb muss ein Meinungswandel stattfinden:
Ich kann die Kritik dieser Thesen als unannehmbar förmlich hören. In den toleranten demokratischen Gesellschaften dauert es erfahrungsgemäß relativ lange, bis sie eine existentielle Gefährdung lokalisieren. Diesen Lernprozeß sollten wir verkürzen. Es ist nur eine Frage der Zeit (und schlimmstenfall der Anzahl unserer Toten), bis es zu diesem Meinungswandel kommt. Wir könnten unschuldige Menschen retten, wenn wir nicht darauf warten, dass die Einschläge noch näher kommen und der terroristische Krieg unser Land erreicht.
Die Vereinigten Staaten bauen seit einem Jahr an einem beispiellosen Überwachungssystem namens US-VISIT. Es soll gefährliche Personen bereits vor der Einreise erkennen. Unter der Leitung der Unternehmensberatung Accenture sollen insgesamt 10 Milliarden Dollar investiert werden. Frankreich suspendierte nach den Anschlägen in London (wie gelegentlich auch schon früher) das Schengen-Abkommen. Die italienische Regierung verabschiedete am 22. Juli 2005 ein Paket von Maßnahmen zur besseren Bekämpfung des Terrorismus. Danach dürfen Verdächtige länger festgehalten werden und zur Speichelprobe für DNA–Tests gezwungen werden. Die italienischen Sicherheitsdienste erhalten fortan einen weiterreichenden Zugriff auf Telefon- und Computerdaten. Der Strafbestand des Terrorismus wurde auf die Beteiligung und Beihilfen zu solchen Gewalttaten im Ausland ausgedehnt und Strafen für die Dokumentenfälschung erhöht. Die britische Regierung bereitet eine Verschärfung der Antiterror-Gesetze vor. Beispielsweise dürften die Verdächtigen nicht nur 14 Tage (wie bis jetzt) sondern bis zu drei Monaten ohne Anklage festgehalten werden. Die konservative Opposition hat bereits Unterstützung signalisiert. Die Konservativen wollen sogar die Gesetze so ändern, dass abgehörte Telefongespräche künftig vor Gericht als Beweise zugelassen werden.
Ein radikaler Meinungswandel in Hinblick auf die Bekämpfung des Terrorismus ist unvermeidlich.
(rb)