Die sicherheitspolitische Lage Europas hat sich in den letzten Jahren grundlegend verändert. Dies wurde erneut bei einem zweitägigen Seminar für Angehörige der Bundeswehr unter dem Titel „Europa und die Bedrohung durch Russland“ deutlich, welches im HAUS RISSEN stattfand.
Ein zentraler Punkt aus den Beiträgen von Dirk Schmittchen: Russlands Selbstverständnis als „verletzte Großmacht“. Historische Erfahrungen wie 1812 und 1941 sowie der Zerfall der Sowjetunion prägen bis heute die geopolitische Denkweise in Moskau. Diese Perspektive hilft zu verstehen, warum Russland Einflusszonen in Osteuropa beansprucht und sicherheitspolitisch anders agiert als der Westen.
Der Einfluss von Narrativen und Desinformation
Zugleich wurde aufgezeigt, wie stark Narrative und Desinformation den Diskurs beeinflussen. Am Beispiel des Mythos eines angeblichen Versprechens gegenüber Moskau im Rahmen der Verhandlungen zur deutschen Wiedervereinigung 1990, die NATO nicht nach Osten auszuweiten, wurde deutlich, wie gezielt historische Ereignisse verzerrt und über soziale Medien verbreitet werden – zunehmend auch mithilfe von KI und Deep Fakes.
Die sicherheitspolitische Einordnung und Handlungsoptionen wurden insbesondere durch Enrico Liedtke vertieft: Hybride Bedrohungen, Sabotage und Spionage verdeutlichen die Notwendigkeit einer umfassenden Sicherheitsstrategie. Neben militärischer Stärke rücken zivile Verteidigung, Bevölkerungsschutz und gesellschaftliche Resilienz stärker in den Fokus – Stichwort „Gesamtverteidigung“. Besonders an der NATO-Ostflanke, etwa im Baltikum, wird die angespannte Lage greifbar. Die Sicherung dieser Region ist zu einer Schlüsselaufgabe für die kollektive Verteidigung geworden – und damit auch für Deutschlands Rolle innerhalb des Bündnisses.
Wie kann eine europäische Sicherheitsordnung aussehen?
Mit Blick in die Zukunft wurde diskutiert, wie eine europäische Sicherheitsordnung aussehen kann: Wie verlässlich bleiben die USA? Welche Verantwortung übernimmt Europa selbst? Und wie geschlossen treten die europäischen Staaten auf?
Abgerundet wurde die Reihe durch die Perspektive von Helene Bührig auf die innenpolitischen Entwicklungen in den USA. Die politischen und gesellschaftlichen Spannungen, insbesondere im Kontext von Donald Trump, haben direkte Auswirkungen auf die transatlantischen Beziehungen und damit auch auf Europas Sicherheit.
Fazit: Europas Sicherheit muss heute ganzheitlich gedacht werden – geopolitisch, gesellschaftlich und strategisch. Die Herausforderungen sind komplex, aber ebenso entscheidend ist die Fähigkeit Europas, geschlossen und resilient darauf zu reagieren.
Ganz im Einklang mit dem Prinzip der Inneren Führung werden Angehörige der Bundeswehr von unserem Team in aktuellsten Themenkomplexen gebildet, aber unsere Bildungsangebote stehen auch einem weiterem, interessierten Publikum offen.